Das Argument hat sich nie verändert | Essay | Peter Roth-Westdickenberg

Essay

Das Argument hat sich nie verändert

Peter Roth-Westdickenberg
Berlin, 2026

Berlin, 2026

Ein fiktives Streitgespräch als Würdigung Habermas'

Ich hätte mich nie getraut, ihn um ein echtes Gespräch zu bitten. Nicht nur aus Ehrfurcht. Seine Sätze zogen sich über halbe Seiten, bevor sie ihr Verb preisgaben. Ich hätte dagesessen und genickt. Und irgendwann den Anschluss verloren, ohne dass er es gemerkt hätte. Jetzt, wo es dieses Gespräch nie mehr geben kann, erlaube ich mir trotzdem, mir eines vorzustellen.

Ich stelle es mir in seinem Arbeitszimmer in Starnberg vor. Bücher bis zur Decke. Ich sitze ihm gegenüber, mein Puls geht schneller, noch bevor ich zu sprechen beginne.

Ich erzähle ihm von einem Nachmittag im Unterricht. Wir hatten Tucholsky gelesen, den Satz mit den Soldaten. Ich kannte den Kontext genau: Tucholsky schrieb das 1931, gegen eine Armee, die kurz zuvor einen Angriffskrieg geführt hatte. Ich hätte den Schülern erklären können, warum das nicht einfach auf die Bundeswehr von heute übertragbar ist, auf eine Verteidigungsarmee, auf meinen Sohn Linus, der zu der Zeit die Offizierslaufbahn bei der Marine machte. Ich hatte das Argument fertig im Kopf. Trotzdem konnte ich in diesem Moment kein Wort davon sagen. Etwas im Raum, in mir, ließ es nicht zu.

Er hört zu, ohne mich zu unterbrechen.

Das, sagt er dann, ist genau der Punkt, an dem wir uns trennen müssen, bevor wir überhaupt weiterreden können. Ich habe nie behauptet, dass Menschen jederzeit gleich frei sprechen können. Meine ideale Sprechsituation ist keine Beschreibung dessen, was tatsächlich passiert. Sie ist die Voraussetzung, die wir immer schon mitdenken, sobald wir behaupten, etwas sei wahr oder falsch. Dass Sie in diesem Moment nicht sprechen konnten, ändert daran nichts. Es zeigt nur, dass die reale Situation dem Ideal nicht entsprach. Das ist bedauerlich. Aber es ist ein Problem der Gesellschaft, die diese Bedingungen herstellen muss. Nicht ein Problem meiner Theorie der Verständigung selbst.

Sie schieben die Ungleichheit nach draußen, sage ich. Für Sie ist die Fähigkeit zu sprechen eine Vorbedingung, die entweder erfüllt ist oder nicht, aber sie gehört nicht zur Kommunikation selbst. Ich glaube, sie liegt nicht davor. Sie ist die Kommunikation selbst.

Ich merke, dass ihm das noch nicht reicht, und ich glaube, zu Recht. Also erzähle ich ihm von etwas anderem, etwas Persönlicherem.

In Alexandria habe ich eine Freundin, Rania, mit der ich bis heute in Kontakt bin. Sie konnte mich nicht überall treffen. Einmal sagte sie mir, in einem Café in ihrer Nähe, in Maamourah, gehe das nicht, sie würde sonst ins Kreuzfeuer der Nachbarn geraten. Ein einfacher Satz. Ein gutes, nachvollziehbares Argument, ihre Sicherheit, ihr soziales Umfeld, Bedingungen, die für sie real waren und für mich nicht. Trotzdem konnte ich diesen Satz lange nicht als das hören, was er war. Ich hörte Ablehnung. Eine Ausrede. Ich wurde innerlich hart, zog mich zurück, dachte Dinge über sie und ihr Land, die ich nicht laut gesagt hätte. Erst später, als ich mir dieser Freundschaft sicherer war, als mein eigenes Nervensystem nicht mehr im Alarm stand, konnte ich denselben Satz hören, unverändert, und ihn zum ersten Mal als das erkennen, was er die ganze Zeit war: gültig.

Das Argument hat sich nie verändert, sage ich zu ihm. Nur ich. Wenn Gültigkeit und Erkennbarkeit für Sie zusammenfallen, wenn ein gutes Argument automatisch auch ein wirksames ist, dann übersehen Sie genau das, was mir passiert ist. Zwischen der Gültigkeit eines Arguments und meiner Fähigkeit, es anzunehmen, saß mein eigener Körper. Der hat entschieden, nicht die Logik des Satzes.

Ich erwarte, dass er das für einen Moment sacken lässt. Stattdessen antwortet er schneller, als mir lieb ist.

Sie verwechseln zwei verschiedene Dinge, sagt er. Ich habe nie behauptet, psychologische Zustimmung sei dasselbe wie normative Gültigkeit. Meine Theorie beschreibt nicht, wie ein einzelner Mensch tatsächlich zu einer Überzeugung kommt, mit all seiner Angst, seinem Misstrauen, seiner Geschichte. Sie beschreibt, unter welchen Bedingungen ein Anspruch überhaupt als vernünftig eingelöst werden kann. Das ist eine rationale Rekonstruktion, keine psychologische Erklärung. Dass Sie Zeit brauchten, um bereit zu sein, ändert nichts an der Gültigkeit von Ranias Satz. Es zeigt nur, dass Sie vorher nicht in der Lage waren, ihn zu prüfen. Das ist genau das, was ich meine, wenn ich sage: Das ist Sache der Psychologie, nicht der Diskurstheorie.

Das trifft mich, weil es fair ist.

Und ich erzähle ihm noch von etwas ganz anderem, älterem. Von den Mystikerinnen des Spätmittelalters, Hildegard von Bingen, Mechthild von Magdeburg. Frauen, denen jede Form von Öffentlichkeit verwehrt war, und die trotzdem sprachen, weil sie behaupteten, nicht aus eigenem Willen zu sprechen, sondern als Werkzeug Gottes. Sie wurden gehört, beantwortet, in Briefen weitergetragen, Jahrhunderte bevor es das bürgerliche Kaffeehaus gab, von dem sein Buch Strukturwandel der Öffentlichkeit erzählt. Ihre Öffentlichkeit entstand nicht durch ein Argument. Sie entstand, weil andere auf sie reagierten.

Das sind für mich zwei verschiedene Löcher in Ihrem Modell, sage ich. Die Mystikerinnen zeigen: Es gibt Öffentlichkeit ganz ohne Argument. Rania zeigt etwas noch Unbequemeres für Sie: Selbst wo ein Argument vorhanden und richtig ist, entscheidet der Körper, ob es überhaupt ankommt.

Aber, sage ich weiter, wenn niemand je in der Lage ist, ein Argument sofort zu prüfen, wenn diese Fähigkeit selbst ungleich verteilt ist, nach Erschöpfung, nach Trauma, nach Vertrauen, dann ist Ihre Unterscheidung zwar logisch sauber, aber politisch folgenlos. Sie retten die Reinheit Ihrer Theorie, indem Sie das Einzige aus ihr herausnehmen, was in der Wirklichkeit tatsächlich entscheidet, wer gehört wird und wer nicht.

Er schweigt jetzt tatsächlich lange.

Das, sagt er schließlich, wäre ein Einwand gegen die Reichweite meiner Theorie, nicht gegen ihre Richtigkeit.

Nein, sage ich, und ich merke, wie viel entschiedener meine Stimme klingt als vorher. Es geht nicht nur um Reichweite. Es geht um Exklusivität. Wenn die Fähigkeit, ein Argument im Moment zu prüfen, ungleich verteilt ist, und Ihre Theorie diese Fähigkeit einfach voraussetzt, dann bestimmt am Ende genau diese Fähigkeit, wer tatsächlich am Diskurs teilnimmt und wer nur formal dazugehört, ohne je gehört zu werden. Das ist keine Lücke am Rand Ihrer Theorie. Das widerspricht ihrem eigenen Anspruch. Sie fordern doch selbst, dass ein Diskurs nur dann legitim ist, wenn alle Betroffenen daran teilnehmen könnten. Wenn aber die Fähigkeit dazu vom Zustand des Nervensystems abhängt, dann ist Ihr eigenes Legitimitätskriterium nie wirklich erfüllt. Das kann nicht der Anspruch von Demokratie sein, dass sie nur für die gilt, die es sich körperlich leisten können, mitzudenken.

Er antwortet nicht sofort. Ich stelle mir vor, dass er die Brille absetzt, sie eine Weile in der Hand hält.

Sie haben recht, dass mein Prinzip Universalität verlangt, sagt er dann. Deshalb sehen demokratische Verfahren ja gerade nicht vor, dass jeder Bürger in Echtzeit jedes Argument selbst prüfen muss. Es gibt Vertretung. Es gibt Verfahren, die Zeit lassen. Es gibt Institutionen, Gerichte, Parlamente, die genau deshalb existieren, weil kein Einzelner immer sprechfähig ist. Recht und Verfahren übersetzen das Ideal in etwas, das auch unter unidealen Bedingungen funktionieren kann.

Aber wer entscheidet, wer stellvertretend spricht?, frage ich. Und was, wenn genau diese Übersetzung selbst wieder von denen gemacht wird, deren Nervensystem es sich leisten kann, im Parlament zu stehen, in der Redaktion zu sitzen, das Gesetz zu formulieren? Dann haben Sie das Problem nicht gelöst. Sie haben es eine Ebene höher verschoben.

Jetzt schweigt er wirklich lange.

Das, sagt er schließlich, ist der schärfste Einwand, den Sie mir heute gemacht haben. Ich habe darauf keine vollständige Antwort. Ich kann Ihnen nur sagen, was ich mein Leben lang für die einzig ehrliche Antwort gehalten habe: dass man am Ideal festhalten muss, gerade weil die Wirklichkeit es verfehlt, nicht obwohl. Ob das genügt, um Ihren Einwand zu entkräften, weiß ich nicht.

Ich lasse ihm diesen Moment, aber ich bin noch nicht fertig.

Es geht mir nicht nur darum, dass das Ideal verfehlt wird, sage ich. Es geht darum, dass manche genau das gezielt ausnutzen. Die AfD, Trump, sie stellen ihre Wähler nicht nur gelegentlich vor eine Situation, in der ihr Nervensystem überfordert ist. Sie halten sie absichtlich in Daueralarm, Angst vor Fremden, Angst vor Statusverlust, Angst vor Kontrollverlust, weil ein Nervensystem im Alarm genau die Vereinfachung sucht, die diese Bewegungen anbieten. Das ist keine zufällige Abweichung vom Ideal mehr. Das ist eine Strategie, die sich gezielt gegen die Bedingung richtet, unter der Ihr Diskurs überhaupt funktionieren könnte.

Ich stelle mir vor, dass ihn das nicht kalt lässt. In seinem letzten großen Text, kurz vor seinem Tod, hat er selbst geschrieben, Europa müsse von nun an allein weitergehen, angesichts einer politischen Weltlage, in der er die liberale Demokratie unter genau einem solchen Druck sah.

Ich habe das gesehen, sagt er leise. Ich habe gesehen, wie das, was ich Öffentlichkeit nannte, unter dem Tempo und der Erregung der sozialen Medien zusammenbricht. Ich habe davor gewarnt. Aber ich habe es, glaube ich, immer noch als Verfall eines Zustands beschrieben, nicht als das, was Sie meinen: eine bewusst hergestellte Erregung, als politisches Werkzeug.

Genau das ist der Unterschied, sage ich. Für Sie ist es Erosion. Für mich ist es Angriff. Und ein Angriff auf die Bedingung der Kommunikation braucht eine andere Antwort als das Festhalten an einem Ideal, das er gezielt unerreichbar macht.

Er nickt, langsam, und ich sehe zum ersten Mal in diesem ganzen Gespräch etwas wie Erschöpfung in seinem Gesicht, keine intellektuelle, eine andere.

Am Ende dieses Gesprächs, das es nie gegeben hat, stehe ich auf und verlasse das Zimmer mit demselben Puls, mit dem ich es betreten habe. Ich habe ihn nicht widerlegt. Aber ich glaube, ich habe zum ersten Mal die Stelle gefunden, an der seine Theorie tatsächlich zittert, nicht nur an ihrem Rand, sondern in ihrer Mitte, und die Stelle, an der auch er selbst, ganz am Ende seines Lebens, zu ahnen schien, dass sie zittert.

Quellen

Die "ideale Sprechsituation" und der "zwanglose Zwang des besseren Arguments": Jürgen Habermas, Wahrheitstheorien, 1973, sowie Theorie des kommunikativen Handelns, 1981.

Seine Klarstellung, dass die ideale Sprechsituation nie als empirischer Vorgang gemeint war: Interview mit Peter Intelmann, Frankfurter Neue Presse, 17. Juni 2019.

Die Beschreibung der bürgerlichen Öffentlichkeit: Jürgen Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit, 1962.

Die methodische Unterscheidung zwischen rationaler Rekonstruktion und empirischer Erklärung: Habermas' bekannte Position aus seinen entwicklungspsychologischen und diskursethischen Arbeiten der 1970er und 1980er Jahre, unter anderem in Auseinandersetzung mit Piaget und Kohlberg. Nicht auf eine einzelne Seitenzahl zurückführbar.

Vertretung, Verfahren und Institutionen als Übersetzung des Diskursideals unter realen Bedingungen: Jürgen Habermas, Faktizität und Geltung, 1992.

Habermas' letzter veröffentlichter Text, "Von hier an müssen wir alleine weitergehen", November 2025, befasst sich mit der Lage Europas angesichts der politischen Entwicklung in den USA unter Trump. Seine kritische Analyse der Erosion rationalen Diskurses durch soziale Medien ist in mehreren späten Interviews dokumentiert, unter anderem anlässlich seines 95. Geburtstags 2024.

Erfunden, nicht belegt: Alle wörtlichen Repliken in diesem Text sind eine Zuspitzung realer, dokumentierter Positionen, keine tatsächlichen Zitate. Insbesondere die Formulierungen zur Exklusivität des Diskurses, zur Vertretungsfrage, zum Eingeständnis am Ende sowie die Deutung der AfD und Trumps als gezielte, strategische* Erregung von Nervensystemen sind meine eigene Zuspitzung und Fortführung, nicht Habermas' eigene Aussage. Real belegt ist nur, dass er Erosion und Gefährdung der Öffentlichkeit sah und öffentlich benannte, nicht dass er sie in diesen Begriffen gefasst hätte. Die Rania- und Tucholsky-Passagen stammen vollständig aus meinem eigenen Erleben und Denken.