Wenn mich jemand fragt, was ich eigentlich mache, sage ich manchmal: Ich höre gerne dem Brot nach dem Backen beim Knistern zu.
Das ist keine Ablenkung von der Frage. Es ist die Antwort.
Denn das Knistern entsteht nicht im Brot und nicht im Zuhörer. Es entsteht dazwischen. Im Moment, in dem sich etwas setzt. Wenn Hitze und Zeit zu einer Form gefunden haben, die jetzt atmet. Wer nur aufs Ergebnis schaut, verpasst diesen Moment.
Ich versuche, ihn nicht zu verpassen.
Das ist der Kern meiner Philosophie des Zwischenraums: Der Zwischenraum ist nicht der Abstand zwischen zwei Dingen. Er ist die Bedingung, unter der Begegnung überhaupt möglich wird. In Resonanz gehen, ohne das Gegenüber zu vereinnahmen. Das klingt schlicht. Es ist die schwierigste Haltung, die ich kenne, und sie trägt alles, was ich tue.
Ich bin Musiker, Musikwissenschaftler, Anglist und Amerikanist (M.A. aus Regensburg, London und Berlin). Seit 2023 unterrichte ich Englisch und Musik an Schulen. 2023 zuerst in Ägypten an der Neuen Deutschen Schule Alexandria. Danach an der Jean Krämer Schule in Berlin. Seit 2024 habe ich das zweite Staatsexamen. Sechzehn Jahre lang habe ich davor meine eigene Musikschule geleitet und dort auch als Dozent gearbeitet.
Was aus diesem Denken entstanden ist, findet sich hier.
Philosophie
Die Philosophie des Zwischenraums ist kein Lehrbuch und keine Theorie. Es ist eine Philosophie, die aus Schmerz entstanden ist und aus der Entscheidung, ihn nicht zu verschwenden. Sie fragt, was bleibt, wenn Gewissheiten zerbrechen. Was Wahrheit bedeutet, wenn sie kein Besitz mehr ist, sondern ein Ereignis. Wie Beziehung möglich bleibt, ohne dass einer den anderen vereinnahmt. Die Antworten kommen nicht von oben. Sie kommen aus dem Leib, aus der Begegnung, aus dem Dazwischen, dort, wo Leben sich wirklich ereignet.
Musik
Pete & The Jam war die musikalisch aktive Form meiner Philosophie. In Resonanz treten mit einer Komposition, mit anderen Musikern, auf ihre Aufnahmen reagieren, das Eigene verändern, wo es nötig war, ohne sich selbst zu verraten. Derselbe Zwischenraum, nur in Klang. Daneben stehen Mathilda und weitere Projekte, die aus derselben Haltung heraus entstanden sind: In Beziehung treten, ohne sich aufzulösen.
Forschung
Meine musikwissenschaftlichen Texte entstehen aus einer Begegnung, die mich grundlegend verändert hat. Ägypten, Alexandria, war nicht Feldforschung. Es war die leibliche Erfahrung von Fremdheit: eine Musik, deren Wahrheit mein Körper nicht kannte, weil er nie gelernt hatte, so zu hören. Das hat mein eurozentristisches Weltbild erschüttert, nicht umgekehrt, aber in Frage gestellt. Was passiert, wenn das Gegenüber nicht exotisiert wird, sondern als eigenständiges, gleichwertiges Gegenüber erscheint? Diese Frage ist musikwissenschaftlich. Und sie ist dieselbe Frage, die mich im Klassenzimmer beschäftigt.
Bildung
Im Unterricht ist mir nicht wichtig, dass Schülerinnen und Schüler beim Blues zwölf Takte mitzählen können. Ich will, dass sich beim Aufheulen der Gitarre das Gesicht mit der Stimmung mitverzieht. Wahrnehmung sichtbar machen, nicht das einfach Skalierbare vermitteln und abprüfen. Wer lernt, Musik wirklich zu hören, übt etwas Grundlegenderes: in Resonanz treten mit etwas Fremdem. Eine Haltung entwickeln, bevor man urteilt. Das ist der Kern, nicht als pädagogisches Ziel unter anderen, sondern als Grundlage dessen, was wir gesellschaftlich und demokratisch gerade so dringend brauchen.
Hör rein. Lies. Und wenn etwas knistert: Ich freue mich, davon zu hören.