Essay

Der Wille zur Resonanz

Peter Roth-Westdickenberg

Aus dem Buch

Der Wille zur Resonanz

Vollständige Lesefassung

Es gibt Gedanken, die man nicht einfach verstehen, sondern aushalten muss.

Arthur Schopenhauer hatte einen solchen Gedanken: dass das Leben selbst aus Konflikt besteht. Im Menschen lebt ein Wille, der immer etwas will – Liebe, Erfolg, Ruhe, Sicherheit – und doch nie zufrieden ist, weil hinter jedem erreichten Ziel schon das nächste steht. So sind wir ständig unterwegs, hungrig, suchend, unruhig. Und dieses ewige Streben, das uns antreibt, ist zugleich das, was uns zermürbt. Für Schopenhauer war das Leben kein harmonisches Ganzes, sondern ein Kreislauf von Wunsch und Enttäuschung. Seine Antwort: Wenn die Bewegung das Leiden ist, liegt Erlösung nur im Stillstand. Nicht mehr wollen. Sich lösen von der Welt, um inneren Frieden zu finden.

Ein Jahrhundert später hörte Richard Wagner diesen Gedanken – und machte aus ihm Musik. Im Tristan-Akkord klingt genau das: ein Ton, der sich nach Auflösung sehnt, aber sie nie erreicht. Während Schopenhauer die Stille suchte, fand Wagner die Schönheit in der Sehnsucht selbst. Für ihn war der Wille keine Krankheit, sondern eine Quelle. Sein Werk ist ein einziger Versuch, das menschliche Begehren in Klang zu verwandeln – nicht zu überwinden, sondern zu verwandeln.

Kurz vor meinem Klinikaufenthalt war ich im Ring. Sechzehn Stunden Musik, vier Abende, Thielemann dirigiert die Staatskapelle, Tcherniakov inszeniert. Jeder Abend war eine reine Freude – über die Musik, die Sängerinnen und Sänger, die Inszenierung. Auch wenn der letzte Abend körperlich und mental an Grenzen stieß: das Sitzen wurde anstrengend, die Konzentration schwer, der Körper meldete sich. Und trotzdem wusste ich: jeder Abend lohnt sich. Ich darf ihn genießen. Ich darf die Musik bewundern – und gleichzeitig, Abend für Abend, über Wagners Figuren den Kopf schütteln. Die Götter, die sich ins Verderben reiten. Wotan, der seine eigene Freiheit verspielt. Siegfried, der aus purer Tapferkeit stirbt. Brünnhilde, die sich in die Flammen stürzt, weil die Erlösung nur im Tod möglich scheint. Irgendwann dachte ich: Ihr seid auch wirklich große Idioten, ihr Götter. Nicht böswillig. Aber ernsthaft: kein Wunder.

Das ist keine Kritik an der Musik – die ist unvergleichlich. Es ist eine Kritik an der Theologie, die darin steckt. Wagner glaubt, das Begehren könne sich nur durch Auflösung vollenden. Er komponiert das Erhabene – und findet seinen Frieden immer nur im Untergang. Ich bewundere die Größe dieser Geste. Aber sie stimmt nicht. Nicht für mein Leben.

Denn was ich in diesen sechzehn Stunden gespürt habe, war das Gegenteil von Wagners Antwort: Ich war bewegt, erschöpft, begeistert, genervt – und am Ende des letzten Abends noch da. Kein Untergang. Kein Auflösen. Nur: Ich bin noch hier, und das war gut so.

Aber Wagner scheiterte an dem, was er am tiefsten besang. Er konnte die Frau an seiner Seite nicht als gleichwertiges Gegenüber sehen, sondern nur als Tor zur Transzendenz. Was er suchte, war nicht Beziehung, sondern Erhebung. Der Unterschied ist entscheidend: Erhebung braucht den anderen als Spiegel. Beziehung braucht ihn als Gegenüber. Ich kenne diesen Reflex. Es gibt Momente in meiner Ehe, in denen ich Lucia nicht als Gegenüber sehe, sondern als Bestätigung meiner eigenen Wahrnehmung brauche. Momente, in denen ich ihre Gegenwart will – aber nicht wirklich ihre Andersartigkeit. Dann bin ich Wagner. Und es hilft nicht.

Und genau dort beginnt der Schritt, den beide nicht gehen konnten. Ich teile Schopenhauers Klarheit, dass das Leben Spannung ist. Ich teile Wagners Ahnung, dass Liebe diese Spannung verwandeln kann. Aber ich glaube nicht, dass sie sich auflösen lässt. Der Konflikt ist nicht das Problem – er ist das System.

Beziehung bedeutet nicht Harmonie. Sie bedeutet, die Spannung zu halten, ohne sie zu zerstören. Die Spannung mit Lucia auszuhalten, wenn wir verschiedene Wahrheiten haben und keine davon stimmt. Die Spannung mit meinen Kindern auszuhalten, ihre Schmerzen zu validieren ohne in Selbstgeißelung zu verfallen, ihre Individualität anzuerkennen ohne zu wissen, ob ich das richtig mache. Das ist meine größte Übung. Ich scheitere daran regelmäßig.

Und gleichzeitig: Ich weine und lache, denke tief und bin albern, schaue Fußball, putze das Bad, koche, kaufe ein, verliere mich in YouTube-Videos, höre Musik, liebe Menschen und ärgere mich über sie. Ich bin zärtlich, ungeduldig, wütend, berührt. All das gehört zu mir. All das ist mein Zwischenraum. Nicht als Programm. Als Tatsache.

Schopenhauer wollte dem Strom entkommen. Wagner wollte in ihm versinken. Ich lerne, in ihm zu schwimmen. Manchmal gehe ich unter. Manchmal treibe ich nur. Und manchmal – wenn alles still wird – höre ich, wie die Spannung selbst zu singen beginnt. Ich weiß nicht, ob das Erlösung ist. Aber es ist genug.