Essay

Gastfreundschaft — Fremd sein dürfen, im Eigenen wie im Anderen

Peter Roth-Westdickenberg
Berlin, 2026

Berlin, 2026

Es gibt Niederlagen, die sich dem Augenblick entziehen. Während sie geschehen, sind sie einfach Niederlagen. Man trägt sie eine Weile mit sich herum, schämt sich für sie, versucht sie zu vergessen und erzählt möglichst selten davon. Erst viele Jahre später geschieht dann etwas Merkwürdiges: Man blickt zurück und entdeckt, dass gerade dort ein Weg begonnen hat, den man damals unmöglich erkennen konnte. So ist es mir mit dem Kontrapunkt ergangen. Während meines Musikwissenschaftsstudiums in Regensburg fiel ich zweimal durch den Kontrapunktkurs bei Eberhard Kraus, dem ehemaligen Domorganisten. Nach der damaligen Prüfungsordnung hatte das Folgen: Ohne den bestandenen Kontrapunkt durfte ich meine Zwischenprüfung nicht antreten. Mit jedem nicht bestandenen Versuch wurde die Sache ernster. Ich arbeitete viel, daran lag es nicht. Ich verstand die Regeln, zumindest glaubte ich das. Doch sobald ich selbst zu schreiben begann, geschah fast immer dasselbe. Nach wenigen Takten schlich sich ein kontrapunktischer Fehler ein, anfangs harmlos wirkend, eine unglückliche Stimmführung, eine verbotene Parallele, eine kleine Unaufmerksamkeit. Aber der Fehler blieb nie allein. Er zog den nächsten nach sich, dann den übernächsten, bis der Satz irgendwann nicht mehr zu retten war. Ich saß vor dem Papier und wusste, dass ich von vorne beginnen musste. Das Frustrierende war nicht, dass ich die Regeln missachtete. Das Frustrierende war, dass meine Sätze selbst dann, wenn sie den Regeln halbwegs entsprachen, musikalisch unerquicklich klangen. Sie wirkten konstruiert. Man hörte ihnen an, dass jemand versuchte, ein System zu erfüllen. Von Musik im eigentlichen Sinn hatte ich dabei selten das Gefühl. Damals empfand ich den Kontrapunkt als etwas beinahe Feindseliges. Er schien jede musikalische Intuition zu bestrafen. Während andere Kommilitonen offenbar begriffen, wie sich Stimmen selbstverständlich ineinander bewegten, blieb ich außen vor. Ich konnte die Logik nachvollziehen, aber ich konnte sie nicht zum Klingen bringen. Gerettet hat mich schließlich nicht der Kontrapunkt, sondern eine geänderte Prüfungsordnung. Plötzlich durfte ich anstelle des Kontrapunkts eine harmonische Analyse schreiben, das Werk stammte aus der Romantik. Ironischerweise fiel mir diese Prüfung ausgesprochen leicht. Ich bestand ohne größere Schwierigkeiten und konnte endlich meine Zwischenprüfung ablegen. Der Kontrapunkt verschwand aus meinem Studium, nicht aber aus meinem Leben. Denn je größer der zeitliche Abstand wurde, desto stärker wuchs meine Bewunderung für Johann Sebastian Bach. Nicht meine Liebe, das ist mir wichtig. Bis heute bleibt Bach für mich eher ein Gegenstand des Staunens als musikalische Heimat, mein Körper schwingt bei seiner Musik anders als bei Gospel, Jazz oder einer gelungenen Improvisation. Aber gerade weil ich selbst erlebt habe, wie schwer es ist, innerhalb dieser Ordnung lebendige Musik hervorzubringen, bewundere ich seine Meisterschaft heute mehr als damals.

Vielleicht musste ich zuerst am Kontrapunkt scheitern, um überhaupt ahnen zu können, was Bach dort gelungen ist.

Ägypten

Viele Jahre später begegnete mir eine Musik, die auf eine ganz andere Weise dieselbe Irritation hervorrief. Nicht Bach, sondern die arabische Musik. Es wäre verführerisch, diese Begegnung heute als eine Art Erweckungsgeschichte zu erzählen, so als hätte mich diese Musik vom ersten Moment an tief berührt und ich hätte sofort gewusst, dass sich hier eine neue Welt für mich öffnete. Solche Geschichten haben eine schöne Dramaturgie. Leider stimmen sie selten. Meine erste Begegnung mit der arabischen Musik war vor allem eines: Fremdheit. Ich wusste nicht, worauf ich hören sollte. Die langen melodischen Bögen entzogen sich meinem Gefühl für musikalische Entwicklung, und Wiederholungen, die das Publikum sichtbar bewegten, erschienen meinem Ohr zunächst beinahe gleich. Ich hörte zwar, dass etwas geschah, ich verstand nur nicht, was. Und gerade das ließ mich nicht los – nicht Begeisterung, nicht Ablehnung, sondern Irritation. Ich begann zuzuhören, dann begann ich zu lesen. Ich beschäftigte mich mit dem Phänomen des Tarab, hörte Umm Kulthum, besuchte Konzerte von Ali El Hager. Später sah ich den Spielfilm über Umm Kulthum beim Arab Film Festival in Berlin, der mir manches leichter erschloss als die historischen Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die ich bis dahin kannte. Zum ersten Mal konnte ich etwas von jener Atmosphäre erahnen, in der sich Sängerin, Orchester und Publikum gegenseitig in einen Zustand hineintragen, der sich einer einfachen Übersetzung entzieht. Und trotzdem blieb eine Distanz. Heute bewegt mich die arabische Musik emotional sogar stärker als Bach – ich höre Melancholie, Freude, Drängen, Trost. Aber gleichzeitig begleitet mich bis heute ein Zweifel: Höre ich tatsächlich das, was diese Musik in ihrer eigenen Tradition hervorbringen möchte, oder höre ich lediglich das, was mein europäisches Ohr aus ihr macht? Vielleicht empfinde ich Trauer, wo ein ägyptischer Hörer etwas ganz anderes empfindet. Vielleicht höre ich Spannung, wo andere Hingabe hören. Vielleicht übersetze ich unmerklich eine ganze musikalische Welt in meine eigene Erfahrung. Früher hätte ich diesen Zweifel als Mangel empfunden. Heute halte ich ihn für notwendig, denn sobald ich glaube, eine fremde Kultur vollständig verstanden zu haben, beginne ich vermutlich schon, sie unmerklich meiner eigenen anzupassen. Diese Einsicht wurde seit meiner Zeit in Ägypten, den Besuchen danach, durch die Freundschaften und meine steigende Beschäftigung mit der arabischen Musik immer stärker. Sie entstand nicht beim Lesen, sondern in Begegnungen – vor allem in den Gesprächen mit meinem Freund Bakhoum. Im Frühjahr 2026 fuhren wir gemeinsam nach Kairo, weil ich mir eine Oud kaufen wollte. Was ich an diesem Tag eigentlich mit nach Hause brachte, war nicht nur ein Instrument, es waren unzählige Fragen. Ich fragte Bakhoum nach den Maqāmāt: Warum endet eine melodische Bewegung genau hier?

Warum darf sie an einer anderen Stelle nicht weitergeführt werden? Warum ist dieser Übergang selbstverständlich, jener andere aber unmöglich? Seine Antworten überraschten mich. Sie bestanden selten aus Theorien, meist spielte er einfach und ließ mich hören. Für ihn waren viele dieser Zusammenhänge selbstverständlich, für mich waren sie es nicht. Und während ich ihm zuhörte, stellte sich plötzlich eine Erinnerung ein, mit der ich überhaupt nicht gerechnet hatte: Regensburg. Zum ersten Mal seit vielen Jahren musste ich wieder an den Kontrapunkt denken. Nicht weil Maqām und Kontrapunkt dasselbe wären, sie sind grundverschiedene musikalische Welten. Sondern weil ich zum zweiten Mal in meinem Leben vor einer Musik stand, deren innere Ordnung sich meinem unmittelbaren Hören entzog. Wieder gab es Regeln, eine Grammatik, Entscheidungen, die innerhalb dieser musikalischen Welt selbstverständlich erschienen, während ich sie kaum nachvollziehen konnte. Damals in Regensburg hatte mich diese Erfahrung frustriert. In Ägypten geschah etwas anderes: Zum ersten Mal begann ich zu akzeptieren, dass eine Musik sich meinem Hören entziehen darf. Und genau an diesem Punkt begann sich meine Frage zu verändern.

Die eigentliche Irritation

Erst auf der Rückfahrt von Kairo, mit meiner Oud und meiner Tabla, die ich dort gekauft hatte, bemerkte ich, dass sich meine Fragen verschoben hatten. Als ich nach Ägypten gekommen war, wollte ich die arabische Musik verstehen. Ich wollte wissen, warum sie so klingt, wie sie klingt, warum bestimmte Melodien als schön gelten, warum das Publikum an Stellen reagiert, die meinem Ohr zunächst kaum auffielen. Ich stellte musikwissenschaftliche Fragen. Irgendwann hörte ich auf, sie zu stellen. Nicht weil ich Antworten gefunden hätte, sondern weil sich eine andere Frage in den Vordergrund drängte: Warum gehe ich eigentlich selbstverständlich davon aus, dass Musik verstanden werden muss? Diese Frage traf mich unerwartet, denn sie richtete sich nicht mehr auf die arabische Musik. Sie richtete sich auf mich. Mir wurde bewusst, dass ich Musik bisher fast immer als etwas behandelt hatte, das entschlüsselt werden müsse. Hinter jedem Werk vermutete ich eine innere Logik, die sich irgendwann vollständig erschließen ließe, wenn man nur genügend Geduld und Wissen mitbrächte. Vielleicht war das eine Folge meines Studiums, vielleicht auch eine Eigenart meines Denkens. Jedenfalls hatte ich nie ernsthaft daran gezweifelt. Jetzt begann dieser Zweifel: Ist Musik überhaupt ein Rätsel, das gelöst werden möchte, oder ist sie eine Wirklichkeit, in der man sich aufhalten lernt? Der Unterschied scheint klein. Für mich veränderte er fast alles. Denn plötzlich wurde mir klar, dass mein Problem nie die arabische Musik gewesen war. Mein Problem war mein eigenes Verständnis von Verstehen. Ich hatte geglaubt, Verstehen bedeute, das Fremde nach und nach in das Eigene zu überführen – je besser ich etwas verstehe, desto vertrauter wird es, und irgendwann hört es auf, fremd zu sein. Aber was,

wenn genau das ein Irrtum ist? Was, wenn das Fremde nicht verschwindet, sondern bleibt – nicht als Hindernis, nicht als Mangel, sondern als Bedingung jeder wirklichen Begegnung? Ich erinnere mich an den Moment, in dem mir dieser Gedanke zum ersten Mal kam. Bakhoum hatte mir gerade erklärt, weshalb ein bestimmter Wechsel zwischen zwei Maqāmāt nicht funktioniere. Ich verstand seine Worte, ich verstand sogar die musikalische Begründung, aber ich hörte sie nicht. Zwischen beidem lag eine Lücke. Früher hätte ich versucht, diese Lücke möglichst schnell zu schließen. Heute glaube ich, dass sie kostbar war, denn genau in dieser Lücke begann etwas, das ich bis dahin kaum kannte – nicht Wissen, sondern Aufmerksamkeit. Ich hörte anders. Nicht genauer, nicht richtiger, sondern langsamer. Ich begann wahrzunehmen, wie viele meiner Erwartungen bereits im Hören selbst verborgen lagen. Ich wartete auf harmonische Entwicklungen, wo andere auf melodische Verwandlungen hörten. Ich suchte nach Spannungen, die sich auflösen sollten, während die Musik offenbar gar nicht an ihrer Auflösung interessiert war. Ich hörte mit einem Ohr, das seine eigene Geschichte mitbrachte, ohne sich dessen bewusst gewesen zu sein. Zum ersten Mal wurde mir klar, dass nicht nur Musik kulturell geprägt ist. Das Hören selbst ist es. Das war womöglich die eigentliche Entdeckung meiner Jahre in Ägypten – nicht eine neue Musik, sondern ein neues Ohr. Und erst von hier aus begann sich für mich eine philosophische Frage zu öffnen, die weit über Musik hinausreichte.

Pete and the Jam

Lange bevor mir die Begriffe barzakh oder basho begegneten, hatte ich eine Erfahrung gemacht, deren Bedeutung ich damals selbst noch nicht verstand. Sie entstand nicht in einer Bibliothek, nicht in einem philosophischen Seminar, nicht einmal in Ägypten. Sie entstand während meines Gospelprojekts Pete and the Jam. Die Idee war einfach. Musikerinnen und Musiker nahmen ihre Stimmen unabhängig voneinander auf. Sie saßen nicht gemeinsam in einem Studio, manche kannten sich kaum, manche begegneten einander nie. Zwischen den einzelnen Aufnahmen lagen Tage, manchmal Wochen. Jeder hörte lediglich das, was bis dahin entstanden war, und antwortete darauf mit seiner eigenen musikalischen Spur. Im Popbereich, gerade im Homerecording, ist dieses Vorgehen nichts Ungewöhnliches. Ich erhebe hier keinen Anspruch auf einen neuen musikalischen Ansatz. Was mich beschäftigte, war etwas anderes. Damals interessierte mich vor allem die musikalische Seite dieses Experiments. Heute frage ich mich, ob es nicht zugleich ein philosophisches Experiment gewesen ist. Denn niemand besaß die Musik. Sie gehörte nicht dem Ersten, der aufgenommen hatte, und auch nicht dem Letzten. Jeder trat in etwas ein, das bereits begonnen hatte, und veränderte zugleich das, worauf der Nächste antworten würde. Während der Arbeit sprach ich häufig von Resonanz. Das Wort schien mir selbstverständlich. Erst Jahre später fiel mir auf, dass ich damit etwas beschrieb, das weit über Musik hinausreichte. Resonanz ist keine Eigenschaft eines einzelnen Menschen, sie

entsteht zwischen Menschen – genauer noch, sie gehört keinem von ihnen. Wenn zwei Musiker einander wirklich zuhören, dann entsteht etwas, das sich aus keiner der beiden Stimmen allein erklären lässt. Natürlich bringt jeder seine Erfahrung, seine Technik, seinen Geschmack mit, aber das Entscheidende liegt nicht vollständig in einem von beiden. Es entsteht im Vollzug ihres gemeinsamen Hörens. Damals erschien mir das als eine schöne Beschreibung musikalischer Zusammenarbeit. Heute erscheint es mir als eine Beschreibung von Wirklichkeit. Womöglich entstehen die wichtigsten Dinge unseres Lebens gar nicht in uns, sondern zwischen uns. Ich schreibe diesen Satz vorsichtig, nicht weil ich ihm misstraue, sondern weil ich seine Tragweite noch immer nicht vollständig überblicke. Denn wenn er stimmt, dann betrifft er nicht nur Musik. Dann betrifft er auch Sprache, Freundschaft, Liebe, Unterricht, vielleicht sogar Wahrheit. Ich erinnere mich an diesen Prozess, in dem genau dieser Moment immer wieder geschah. Es gab keine gemeinsamen Proben. Ich produzierte das Demo zunächst vollständig allein und schickte es dem Schlagzeuger. Er nahm seinen Part auf und schickte ihn zurück. Ich passte mein eigenes Spiel an das an, was er daraus gemacht hatte, und reichte das Ergebnis an den nächsten Musiker weiter – ein ständiges Verändern und Sich-verändern-Lassen. Niemand hatte diesen Moment geplant, niemand hätte ihn erzwingen können. Irgendwann hörte einer nicht mehr nur sich selbst, ein anderer antwortete darauf, und plötzlich entstand eine gemeinsame Richtung. Von außen wirkt das oft selbstverständlich, aber wer so arbeitet, weiß, wie zerbrechlich solche Augenblicke sind. Sie lassen sich nicht herstellen, man kann nur Bedingungen schaffen, unter denen sie wahrscheinlicher werden. Gilt das auch für das Denken? Lässt sich Wahrheit nicht produzieren, sondern nur – man kann ihr aufmerksam genug zuhören? Als ich Jahre später mit Bakhoum über den Maqām sprach, erkannte ich dieselbe Bewegung wieder. Nicht dieselbe Musik, nicht dieselbe Tradition, aber dieselbe Erfahrung, dass etwas Größeres entsteht, sobald der Einzelne aufhört, ausschließlich sich selbst zu hören. Erst im Rückblick wurde mir klar, dass ich diesen Gedanken längst gelebt hatte, bevor ich begann, ihn philosophisch zu formulieren. Pete and the Jam war kein Beleg für meine Philosophie. Es war ihr Ursprung, nicht als Theorie, sondern als Erfahrung.

Der Zwischenraum

Als ich meine Philosophie des Zwischenraums schrieb, war ich noch nie mit dem Begriff barzakh in Berührung gekommen, und auch Jean During kannte ich nicht. Nishidas basho hingegen hatte mich bereits beschäftigt. Ich kannte den Begriff, konnte ihn auf eine Art kognitiv erfassen. Aber er blieb mir lange unzugänglich – eher ein Begriff, den ich verstand, als einer, den ich bewohnte. Ich hatte nie das Gefühl, einen philosophischen Verbündeten gefunden zu haben. Erst in meiner größten Krise, während eines Klinikaufenthalts, kam ich tatsächlich an diesen Ort des Vorsprachlichen. Nicht geplant. Einfach, weil alle Leitplanken wegfielen, die mich sonst getragen hatten. Was ich dort erlebt habe, erinnerte mich sehr an das, was Nishida mit Basho bezeichnete, und ich war

froh, dieses Wort für mich nach diesem Ereignis bereits gekannt zu haben. Der Begriff hat mir eine Brücke ins Sprachliche geschlagen, zurück in eine Welt, aus der ich für eine Weile herausgefallen war. Ob es genau das war, was Nishida meinte, weiß ich nicht. Aber für mich passt hier der Begriff, und ich benutze ihn seitdem anders als vorher – nicht mehr als Wissen über etwas, sondern als Erinnerung an einen Ort, an dem ich tatsächlich gewesen bin. Solche Entdeckungen machen mich trotzdem eher misstrauisch als begeistert, zu leicht entsteht die Versuchung, einen anderen Denker lediglich als Bestätigung der eigenen Gedanken zu lesen. Das ist vielleicht eine der unfreundlichsten Arten zu lesen, denn sie interessiert sich am Ende gar nicht für den anderen, sondern nur für sich selbst. Deshalb war ich vorsichtig. Mein Zwischenraum entstand nicht aus Nishida und auch nicht aus der arabischen Musik. Er entstand aus einer Erfahrung, die mich lange begleitet hatte, ohne dass ich sie angemessen benennen konnte. Immer wieder hatte ich den Eindruck, dass das Entscheidende nicht in den Dingen selbst geschieht, sondern dort, wo sie einander begegnen – im Unterricht, in Gesprächen, in Musik, in Beziehungen. Ich schrieb damals vom Zwischenraum, weil ich keinen besseren Begriff fand. Heute würde ich diesen Satz anders formulieren. Nicht weil der Begriff falsch wäre, sondern weil ich ihn heute weniger als Begriff verstehe. Damals glaubte ich noch, einen philosophischen Gegenstand gefunden zu haben. Heute glaube ich eher, eine Weise des Sehens entdeckt zu haben. Der Unterschied scheint klein, für mich ist er entscheidend: Ein Gegenstand lässt sich definieren, eine Weise des Sehens muss eingeübt werden. Und genau deshalb war die Begegnung mit barzakh für mich so bedeutsam – nicht weil ich plötzlich dachte, das sei mein Zwischenraum, sondern weil ich zum ersten Mal spürte, wie vorsichtig man mit solchen Ähnlichkeiten umgehen muss. Ich erkannte eine Verwandtschaft, aber keine Identität. Das ist philosophisch vermutlich fruchtbarer, denn Identität beendet ein Gespräch, während Verwandtschaft eines eröffnet. Ich begann During deshalb nicht zu lesen, um mich bestätigt zu fühlen. Ich las ihn, weil ich verstehen wollte, weshalb ein Begriff, der aus einer mir fremden geistigen Welt stammt, an manchen Stellen dieselbe Richtung einzuschlagen scheint wie ein Gedanke, den ich aus einer ganz anderen Erfahrung entwickelt hatte. Die Antwort habe ich bis heute nicht, und das ist vermutlich gut so. Denn seit ich aufgehört habe, nach Bestätigungen zu suchen, lese ich langsamer. Ich frage nicht mehr, ob er dasselbe gemeint hat wie ich, sondern was er sieht, das ich noch nicht sehe. Diese kleine Verschiebung hat mein Lesen verändert, vielleicht sogar mein Denken. Ich begegne einem Philosophen heute nicht mehr wie einem Zeugen für meine Position, sondern wie einem Gastgeber. Ich trete in sein Haus und versuche zunächst zu verstehen, wie die Räume miteinander verbunden sind, welche Fenster er geöffnet hat, wohin das Licht fällt. Erst danach frage ich, was ich davon in mein eigenes Haus mitnehmen möchte. Das ist vielleicht überhaupt die höflichste Form philosophischer Lektüre: nicht Aneignung, sondern Aufenthalt.

Und von hier aus erklärt sich auch, weshalb mich barzakh bis heute beschäftigt. Nicht weil ich den Begriff übernommen hätte, sondern weil er mich gezwungen hat, meinen eigenen Zwischenraum noch einmal neu zu betrachten – nicht als Besitz, sondern als Einladung.

Nishida und barzakh

Je länger ich über diese Zusammenhänge nachdachte, desto vorsichtiger wurde ich. Früher hätte mich die Entdeckung ähnlicher Gedanken begeistert, ich hätte wahrscheinlich sofort begonnen, Linien zu ziehen, Einflüsse zu vermuten und Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten. Heute interessiert mich das weniger, denn Ähnlichkeit ist ein schwieriger Begriff. Zwei Gedanken können sich ähneln und dennoch aus völlig verschiedenen Erfahrungen hervorgehen, ebenso können zwei Denker dieselben Worte verwenden und doch etwas grundlegend Verschiedenes meinen. Die eigentliche philosophische Aufgabe besteht deshalb vielleicht nicht darin, Gleichheiten zu beweisen, sondern Unterschiede so ernst zu nehmen, dass überhaupt erst sichtbar wird, worin eine mögliche Verwandtschaft bestehen könnte. Als ich Nishida zum ersten Mal las, war Ägypten noch kein Teil meines Lebens. Mein Interesse galt damals einer Frage, die mich schon lange beschäftigte: Was geschieht eigentlich dort, wo Beziehung entsteht? Ich hatte den Eindruck, dass viele philosophische Traditionen vom Einzelnen ausgehen und Beziehung als etwas Nachträgliches verstehen – zuerst gibt es das Ich und das Du, anschließend treten beide miteinander in Kontakt. Mich überzeugte diese Reihenfolge nie ganz. Nishidas Denken gab mir darauf keine Antwort, aber es machte mich aufmerksamer. Jahre später begegnete mir dann Durings Beschreibung des barzakh. Wieder hatte ich nicht das Gefühl, endlich den Begriff gefunden zu haben, nach dem ich die ganze Zeit gesucht hatte. Vielmehr geschah etwas Merkwürdiges: Ich begann meinen eigenen Gedanken fremd zu finden. Das klingt zunächst widersprüchlich, ich meine damit Folgendes: Immer wenn ein Gedanke nur noch das bestätigt, was ich ohnehin schon glaube, hört er auf, ein Gesprächspartner zu sein, er wird zum Echo. During war für mich kein Echo. Seine Welt blieb mir fremd, und gerade deshalb zwang sie mich, meinen eigenen Zwischenraum noch einmal neu zu betrachten. Mein Gedanke war vermutlich weniger selbstverständlich, als ich angenommen hatte, weniger abgeschlossen. Ich empfand das nicht als Schwäche, im Gegenteil. Zum ersten Mal hatte ich den Eindruck, dass ein philosophischer Gedanke reifer wird, wenn er sich einer anderen geistigen Tradition aussetzt, ohne sich sofort mit ihr zu verschmelzen. Das ist wohl der Unterschied zwischen Vergleich und Begegnung: Ein Vergleich sucht Entsprechungen, eine Begegnung verändert beide Seiten. Ich weiß bis heute nicht, ob barzakh und mein Zwischenraum tatsächlich auf dieselbe Wirklichkeit weisen. Im Augenblick erscheint mir diese Entscheidung weniger wichtig als früher. Wichtiger ist etwas anderes geworden: dass ich gelernt habe, den Wunsch aufzugeben, diese Frage möglichst schnell entscheiden zu müssen. Denn die Fruchtbarkeit solcher Begegnungen liegt vielleicht gerade darin, dass sie offen bleiben – nicht unentschieden, sondern offen.

Ich glaube inzwischen, dass Philosophie an Lebendigkeit verliert, sobald sie jede offene Stelle schließen möchte. Das gilt für die eigene ebenso wie für die fremde Tradition. Manche Gedanken müssen unabgeschlossen bleiben, weil sie nur so weiterarbeiten können. Wenn ich heute Nishida lese, lese ich ihn anders als noch vor zehn Jahren, und wenn ich During lese, lese ich ihn ebenfalls anders. Nicht weil sich ihre Texte verändert hätten, sondern weil sich mein Hören verändert hat. Das ist womöglich die eigentliche Wirkung jeder großen Begegnung: Sie bestätigt uns nicht, sie verändert die Art, wie wir zuhören.

Gastfreundschaft

Erst an diesem Punkt begann ich zu verstehen, dass mich weder der Zwischenraum noch barzakh im eigentlichen Sinn beschäftigten. Sie waren nicht das Ziel meines Denkens, sie waren seine Sprache. Das Ziel lag tiefer. Es war eine Frage, die mich seit Jahren begleitet hatte, ohne dass ich ihr einen Namen geben konnte: Wie begegnet man einer Wirklichkeit, die sich gerade dadurch auszeichnet, dass sie sich nicht besitzen lässt? Ich glaube heute, dass diese Frage mein ganzes Denken zusammenhält. Sie tauchte im Kontrapunkt auf, sie tauchte im Gospel wieder auf, sie begleitete mich nach Ägypten, sie begegnete mir in den Gesprächen mit Bakhoum, sie stand zwischen den Zeilen bei Nishida, und sie klang in Durings Beschreibung des barzakh erneut an. Lange hielt ich den Zwischenraum für die Antwort. Heute glaube ich, dass er nur die Form der Frage gewesen ist. Die eigentliche Antwort – wenn dieses große Wort überhaupt erlaubt ist – liegt womöglich in der Gastfreundschaft. Ich meine damit nicht die Tugend, Gäste freundlich zu empfangen, auch nicht Toleranz. Toleranz genügt sich häufig selbst, sie duldet den anderen. Gastfreundschaft geht weiter, sie erlaubt dem Gast, das Haus zu verändern. Gilt das auch für Gedanken? Ein Gedanke, der mein Denken unverändert verlässt, war vermutlich niemals Gast, sondern Besucher. Er kam, ich hörte zu, er ging, und nichts blieb zurück. Die Gedanken hingegen, denen ich wirklich etwas verdanke, haben mein Haus verändert. Sie haben keine Wände eingerissen, sie haben nicht verlangt, dass ich ausziehe, aber sie haben Fenster geöffnet. Manchmal haben sie einen Raum heller gemacht, manchmal haben sie mir überhaupt erst gezeigt, dass dieser Raum existiert. Darin liegt vielleicht der eigentliche Sinn philosophischer Begegnung: nicht Zustimmung, nicht Widerlegung, sondern Veränderung. Ich glaube deshalb heute auch nicht mehr, dass Denken darin besteht, immer recht zu behalten. Vielleicht besteht es eher darin, immer wieder gastfreundlich genug zu werden, damit ein fremder Gedanke überhaupt eintreten kann. Das ist schwerer, als ich lange angenommen habe, denn jeder Gedanke bringt Unordnung mit sich. Er verrückt Selbstverständlichkeiten, er stellt Gewohnheiten infrage, er macht vertraute Wege unsicher. Wehren wir uns deshalb so häufig gegen das Fremde? Nicht weil es falsch wäre, sondern weil es unser Haus verändert. Diese Einsicht hat auch meinen Blick auf Musik verändert. Es geht mir längst nicht mehr nur darum, welche Musik mich berührt. Inzwischen interessiert mich mindestens ebenso,

welche Musik mein Hören verändert – eine andere Frage, auch wenn sie sich zunächst ähnlich anhört. Manche Musik liebe ich sofort, andere liebe ich nie, und doch kann gerade jene Musik, die mir zunächst verschlossen bleibt, mein Hören tiefer verändern als die vertraute. Das war vielleicht die eigentliche Gabe der arabischen Musik für mich – nicht, dass ich sie irgendwann verstanden hätte, sondern dass sie mich zwang, meine eigenen Hörgewohnheiten überhaupt erst wahrzunehmen. Plötzlich hörte ich nicht nur die Musik, ich hörte mein eigenes Hören. Vielleicht geschieht Gastfreundschaft genau dort – nicht wenn der Fremde vertraut wird, sondern wenn das Eigene seine Selbstverständlichkeit verliert. In diesem Sinn verdanke ich Ägypten keine neue Philosophie. Ich verdanke diesem Land eine neue Aufmerksamkeit. Und Aufmerksamkeit ist vermutlich die stillste Form der Gastfreundschaft überhaupt, denn Aufmerksamkeit besitzt nichts. Sie wartet, sie drängt sich nicht vor, sie versucht nicht, den anderen schneller zu verstehen, als dieser sich zeigen kann. Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger erscheint mir Gastfreundschaft als ethischer Begriff. Sie ist eine Weise, in der Welt zu sein – eine Weise zu hören, zu lesen, zu unterrichten, vielleicht sogar zu lieben.

Rückkehr nach Regensburg

Am Ende kehre ich gedanklich immer wieder nach Regensburg zurück. Nicht weil dort alles begann, das wäre eine zu schöne Geschichte. Kein Leben beginnt an einem einzigen Ort, es besteht aus vielen Anfängen, von denen wir die meisten erst im Rückblick erkennen. Und doch hat sich Regensburg für mich verändert. Lange war dieser Ort mit Scheitern verbunden, heute denke ich anders an ihn. Ich sehe den jungen Studenten vor mir, wie er über seinem Notenpapier sitzt, radiert, neu beginnt. Wieder schleicht sich nach wenigen Takten ein Fehler ein, wieder fällt der ganze Satz in sich zusammen. Er versteht die Regeln und kann sie doch nicht zum Klingen bringen. Er glaubt, an der Musik zu scheitern. Ich würde heute nichts erklären. Nicht, weil es nichts zu erklären gäbe, sondern weil Erklärungen in diesem Augenblick nichts geholfen hätten. Ich würde mich wahrscheinlich einfach neben ihn setzen. Vielleicht würden wir zunächst gar nicht über Musik sprechen, sondern über das Studium, über Müdigkeit, über Zweifel, über das Gefühl, dass andere etwas scheinbar mühelos können, woran man selbst immer wieder scheitert. Und irgendwann würde ich ihm vielleicht sagen: Du musst Bach heute noch nicht verstehen, nicht einmal mögen. Es genügt, wenn du anerkennst, dass hier etwas geschieht, das größer ist als dein gegenwärtiges Können. Den Rest erledigt die Zeit. Mehr würde ich nicht sagen. Denn alles, was ich heute über Bach denke, hätte der Student von damals gar nicht hören können, er hätte darin nur Trost gesucht. Ich suche heute etwas anderes: Verständnis für den langen Weg, den Gedanken manchmal brauchen. Der Kontrapunkt war vielleicht nie dazu bestimmt, mein musikalisches Zuhause zu werden, und vielleicht musste er das auch gar nicht. Seine Aufgabe bestand vielleicht

lediglich darin, mich zum ersten Mal an die Erfahrung heranzuführen, dass es Wirklichkeiten gibt, die sich meinem unmittelbaren Zugriff entziehen. Jahre später geschah mir dasselbe noch einmal – nicht im Hörsaal, sondern in Alexandria, dann in Kairo, dann beim Lesen, dann im Gespräch. Immer wieder stand ich vor etwas, das sich meinem ersten Verstehen entzog. Früher hätte ich darin ein Defizit gesehen. Heute sehe ich darin eine Einladung – nicht die Einladung, irgendwann doch noch alles zu verstehen, sondern die Einladung, anders zu leben. Reife beginnt vielleicht genau dort, nicht wenn die Welt einfacher wird, sondern wenn wir aufhören zu verlangen, dass sie einfach sein müsse. Ich glaube heute nicht mehr, dass der Sinn meines Scheiterns im Kontrapunkt darin lag, mich irgendwann zu einem besseren Bach-Hörer zu machen, das wäre zu wenig. Vielleicht ging es um etwas anderes: mich auf eine Haltung vorzubereiten, die ich erst Jahrzehnte später wirklich brauchte – die Bereitschaft, einer Wirklichkeit zu begegnen, ohne sie sofort besitzen zu wollen. Wenn ich heute an Regensburg denke, empfinde ich deshalb keine Bitterkeit mehr, auch keinen Stolz, eher Dankbarkeit. Nicht für das Scheitern, sondern dafür, dass ich lange genug gelebt habe, um seine Bedeutung langsam zu verändern. Das ist womöglich das Seltsamste am Leben: Nicht die Vergangenheit verändert sich, aber die Richtung, aus der wir auf sie blicken. Und manchmal genügt schon diese kleine Verschiebung, damit aus einer Niederlage der Anfang einer Frage wird, die einen ein Leben lang begleitet.

Nachklang

Ich habe diesen Essay mit einem Scheitern begonnen. Es wäre verführerisch, ihn mit einer Erkenntnis zu beenden. Man erwartet das vielleicht von philosophischen Texten: Sie sollen am Ende klarer sein als am Anfang, sie sollen einen Gedanken zu Ende führen und dem Leser das Gefühl geben, nun verstanden zu haben, worauf alles hinauslief. Ich bin mir nicht sicher, ob dies die größte Stärke der Philosophie ist. Ihre größere Stärke liegt vielleicht darin, unsere Fragen zu verändern. Als ich zu schreiben begann, glaubte ich, dieser Essay werde von Bach handeln. Dann dachte ich, er handle von der arabischen Musik. Später schien er vom Zwischenraum zu handeln, schließlich von Gastfreundschaft. Jetzt, da ich den letzten Satz suche, kommt es mir vor, als hätte er die ganze Zeit von etwas anderem gesprochen: vom Hören. Nicht vom musikalischen Hören, sondern von jener Aufmerksamkeit, die bereit ist, sich verändern zu lassen. Ich werde wahrscheinlich niemals hören wie ein Musiker, der mit der arabischen Musik aufgewachsen ist. Ich werde Bach vermutlich niemals so lieben wie Menschen, deren musikalische Heimat seine Welt ist. Ich werde Nishida nie als Japaner lesen, ich werde During nie als Muslim verstehen. Ist das ein Mangel? Ich glaube nicht. Es ist womöglich die Bedingung jeder wirklichen Begegnung, denn was wäre ein Verstehen wert, das das Fremde am Ende nur in eine Variante des Eigenen verwandelt?

Je älter ich werde, desto weniger wünsche ich mir eine Philosophie, die alle Unterschiede auflöst. Ich wünsche mir eine Philosophie, die Unterschiede auszuhalten vermag, nicht als Distanz, sondern als Beziehung. Vielleicht ist genau das der eigentliche Zwischenraum – nicht der Ort, an dem Unterschiede verschwinden, sondern der Ort, an dem sie einander begegnen können, ohne sich gegenseitig aufheben zu müssen. Mehr vermag ich heute nicht zu sagen, und vielleicht sollte ich auch nicht mehr sagen. Denn manches wird nicht dadurch wahrer, dass man es immer präziser formuliert. Manches wird wahrer, wenn man aufhört zu sprechen und beginnt, ihm zuzuhören. Ich weiß nicht, ob das für Musik gilt, für Philosophie, für Menschen. Ich weiß nur, dass ich heute anders höre als jener Student in Regensburg, der glaubte, am Kontrapunkt gescheitert zu sein – nicht besser, nicht vollständiger, gastfreundlicher, vielleicht. Und wenn dieser Essay einen Wunsch haben darf, dann keinen größeren als diesen: dass auch sein Leser ihn eines Tages vergisst. Nicht seine Gedanken, seine Sätze – Sätze dürfen verschwinden. Was bleiben sollte, ist womöglich nur dies: die Bereitschaft, einer Wirklichkeit zu begegnen, ohne sie sofort besitzen zu wollen.