Forschung
Maßstab und Maßstablosigkeit
Zur Inkommensurabilität westlicher Diversitätskriterien in der Analyse arabischer Musik.
Abstract
Der vorliegende Artikel untersucht, inwiefern westliche Diversitätskriterien – Gattungsdifferenzierung, stilistische Innovation, Werkpluralismus – als analytische Maßstäbe für arabische Musik strukturell ungeeignet sind. In vier Schritten wird gezeigt: dass diese Kriterien historisch partikular sind und ein Produktionsmodell voraussetzen, das Improvisation aktiv aus dem institutionellen Zentrum verdrängt hat; dass arabische Musik ein eigenständiges ästhetisches System darstellt, dessen Zentralkonzept Tarab einer anthropologischen Konstante entspricht, die die westliche Soziologie als kollektive Efferveszenz beschreibt; dass die Übertragung westlicher Kategorien eine epistemische Operation vollzieht, die arabisches Musikwissen systematisch unsichtbar macht; und dass das Gegenargument der Hybridisierung zwar partiell berechtigt, aber in drei wesentlichen Punkten unzureichend ist. Der Artikel schlagt situierte Kategorien und einen funktionsbasierten Vergleichsrahmen vor.
Schlüsselwörter: Arabische Musik – Maqam – Tarab – kollektive Efferveszenz – Diversität –
Ethnomusikologie – Epistemologie – postkoloniale Theorie – Musikvergleich
Einleitung: Der unsichtbare Maßstab
Im Jahr 2001 veröffentlichte die UNESCO eine Liste der Masterpieces of the Oral and Intangible Heritage of Humanity – einen Vorläufer der heutigen Weltkulturerbeliste, der explizit nichtwestliche kulturelle Praktiken sichtbar machen sollte. Unter den ersten anerkannten Meisterwerken befand sich der irakische Maqam, jene hochkomplexe Kunstmusiktradition, die seit Jahrhunderten in Bagdad gepflegt wird. Die Anerkennung war gut gemeint. Sie war auch, in gewisser Weise, verräterisch.
Denn die Sprache, in der die UNESCO den irakischen Maqam beschrieb, war nicht die Sprache der Tradition selbst. Sie war die Sprache des bedrohten Erbes: eine reiche, aber gefährdete Praxis, die der Dokumentation bedarf, bevor sie verschwindet. Diese Rahmung hat einen impliziten Kontrast: das Dynamische, Innovative, Sich-Entwickelnde, das keines Schutzes bedarf, weil es aus eigener Kraft überlebt. Dieser implizite Kontrast ist westliche Kunstmusik. Die UNESCOKategorie, die arabische Musik anerkennen soll, setzt westliche Musik als stillschweigende Norm.
Dieses Beispiel ist symptomatisch für ein breiteres Problem. Wenn westliche Institutionen, Musikwissenschaftler oder Kulturjournalisten arabische Musik bewerten, geschieht das fast
immer mit Kriterien, die für westliche Musiktraditionen entwickelt wurden und deren Herkunft unsichtbar bleibt. Gattungsbreite, stilistische Innovation, historische Entwicklung, kompositorische Originalität – diese Kriterien gelten als musikwissenschaftliche Grundbegriffe, obwohl sie historisch partikular sind: Produkte einer spezifischen europäischen Entwicklung.
Der vorliegende Artikel stellt eine Frage, die in der Musikwissenschaft bisher nicht systematisch beantwortet wurde: Inwiefern unterscheiden sich die strukturellen und gesellschaftlichen Funktionen arabischer Musik so grundlegend von westlicher Kunstmusik, dass westliche Diversitätskriterien als analytischer Maßstab ungeeignet sind?
Die Argumentation entfaltet sich in vier Schritten. Teil I historisiert den westlichen Diversitätsbegriff und zeigt, dass er das Ergebnis einer aktiven Verdrängung improvisatorischer Praxis ist. Teil II entfaltet die Eigenlogik arabischer Musik und zeigt, dass ihr Zentralkonzept Tarab einem anthropologischen Grundzustand entspricht, den die westliche Soziologie als kollektive Efferveszenz beschreibt. Teil III entwickelt die epistemologische Kritik der Übertragung. Teil IV beantwortet das stärkste Gegenargument – Hybridisierung mache die Gegenüberstellung obsolet.
Zwei Abgrenzungen sind notwendig: Der Artikel behauptet weder Überlegenheit noch Gleichwertigkeit arabischer Musik in einem additiven Sinn. Und er behandelt arabische Musik als analytischen Arbeitsbegriff für Musikpraktiken mit gemeinsamen systemischen Merkmalen, nicht als homogene Entität.
Teil I: Was meint Diversität im westlichen Musikdiskurs?
1.1 Der unsichtbare Maßstab
Wenn westliche Musikjournalisten oder Kulturförderer arabische Musik als wenig divers beschreiben, geschieht etwas Merkwürdiges: Ein Urteil wird gefällt, ohne dass der Maßstab explizit gemacht wird. Diversität erscheint als selbstevidente Qualität. Diese Unsichtbarkeit ist das Produkt eines historischen Prozesses, in dem eine partikulare Entwicklung zu einem universalen Wertkriterium erhoben wurde.
1.2 Diversität als historisches Produkt: Drei Phasen
Phase 1: Gattungsdifferenzierung im 17. und 18. Jahrhundert
Die Ausdifferenzierung westlicher Musik in distinkte Gattungen beginnt nicht mit einem ästhetischen Programm, sondern mit institutionellen und ökonomischen Entwicklungen. Die Entstehung des öffentlichen Konzertbetriebs schafft neue Ausführungskontexte, die neue Formen verlangen. Die Oper entsteht als Produkt höfischer Repräsentationsbedürfnisse. Das Streichquartett entwickelt sich als Form des privaten bürgerlichen Musizierens. Was rückblickend als Gattungsvielfalt erscheint, ist zunächst die Sedimentierung unterschiedlicher
sozialer Kontexte in musikalische Formen. Gattung ist primär Sozialform, sekundär ästhetische Kategorie.
Phase 2: Das romantische Innovationsparadigma im 19. Jahrhundert
Mit der romantischen Ästhetik entsteht ein Modell musikalischer Entwicklung, das Innovation als höchsten ästhetischen Wert setzt. Historische Veränderung wird zum Qualitätskriterium: Eine Musik, die sich nicht verändert, gilt als stagnierend. Individuelle Originalität wird zum Maßstab, stilistische Abgrenzung zur Norm. Diese Kriterien sind Produkte einer spezifischen europäischen Ideengeschichte – des Geniekults, der Fortschrittsideologie, des bürgerlichen Individualismus.
Keines davon ist universal. Carl Dahlhaus hat diesen Prozess in seiner Ideengeschichte der absoluten Musik grundlegend analysiert: Der Werkbegriff, der Musik als autonomes, zeitloses Objekt konstituiert, ist eine historisch spezifische Konstruktion des 19. Jahrhunderts, die anderen Musiksystemen strukturell fremd ist (Dahlhaus 1978).
Phase 3: Institutionelle Kanonisierung und die aktive Verdrängung der Improvisation
Das Konservatorium kanonisiert ein bestimmtes Repertoire und eine bestimmte Methode seiner Vermittlung: Notenschrift, Gattungslehre, Harmonielehre, Kontrapunkt. Die Musikwissenschaft als akademische Disziplin entwickelt Methoden der Analyse, die auf Notentexten basieren.
Was an dieser Phase analytisch entscheidend ist: Sie bedeutet nicht nur Kanonisierung, sondern aktive Verdrängung einer bis dahin zentralen Praxis. Bach, Mozart und Beethoven waren renommierte Improvisatoren. Der Generalbass des Barock war ein strukturell improvisatorisches System. Kadenzen in Konzerten waren obligatorisch frei improvisiert. Im Verlauf des 19.
Jahrhunderts wurden diese Praktiken systematisch aus dem institutionellen Zentrum der Kunstmusik verdrängt – nicht durch ästhetische Überzeugung, sondern durch Interessenformierungen: Komponisten, die Kontrolle über ihr Werk haben wollten; Verlage, die fixierte Produkte brauchten; Konservatorien, die reproduzierbare Ausbildung anstrebten.
Gleichzeitig veränderte sich die Zuschauerkultur grundlegend. James Johnson hat in seiner Kulturgeschichte des Pariser Konzertlebens gezeigt, wie das Publikum des 18. Jahrhunderts – das sprach, aß und laut reagierte – im Verlauf des frühen 19. Jahrhunderts in das schweigende, aufmerksame Konzertpublikum transformiert wurde, das wir heute kennen (Johnson 1995). Was als Fortschritt der Bildung erscheint, ist auch eine institutionelle Unterdrückung körperlicher Teilhabe an Musik. Darryl Cressman hat am Fallbeispiel des Amsterdamer Concertgebouw gezeigt, wie Architektur und soziale Normen bewusst eingesetzt wurden, um dieses Schweigen zu produzieren und zu stabilisieren (Cressman 2016).
Der westliche Diversitätsbegriff beschreibt also nicht westliche Musik in ihrer vollen historischen Breite. Er beschreibt westliche Musik nach ihrer institutionellen Selbstbeschränkung – nach der Verdrängung zweier zentraler Praktiken: der Improvisation und der aktiven Publikumsteilhabe.
1.3 Das Produktionsmodell und seine Voraussetzungen
Allen drei Phasen liegt ein gemeinsames Produktionsmodell zugrunde: Notenschrift als Speicherund Reproduktionsmedium; individuelle Autorschaft als Quelle ästhetischer Legitimität; das Werk als autonomes Objekt, das von seiner Ausführung trennbar ist; historische Linearität als Entwicklungsmodell. Diese Elemente sind keine universalen Merkmale von Musik.
Sie machen Improvisation strukturell unsichtbar: Was nicht notiert ist, existiert im Rahmen dieses Modells nicht als Werk.
1.4 Normativierungsfunktion und World Music als Gegenwartsproblem
Carl Stumpf und Erich von Hornbostel entwickelten Methoden zur Transkription und Klassifikation nicht-westlicher Musik – aber ihre Klassifikationssysteme waren westliche Kategorien, die auf nicht-westliches Material angewendet wurden. Nicht-westliche Musik erschien als vereinfachte oder unvollständige Version dessen, was westliche Musik in vollentwickelter Form repräsentierte.
Diese Universalisierung westlicher Kriterien wirkt in der Gegenwart fort – am deutlichsten in der Kategorie World Music. Sie fasst höchst unterschiedliche Musikkulturen unter einem Label zusammen, das ihre Andersartigkeit gegenüber einem impliziten westlichen Normalzustand bezeichnet. Die interne Diversität jeder dieser Traditionen wird unsichtbar gemacht. Steven Feld hat diese Dynamik präzise beschrieben: Nicht-westliche Musik wird nicht für das anerkannt, was sie in ihrem eigenen Kontext ist, sondern für das, was sie westlichen Konsumenten bietet (Feld 2000).
Zwischenfazit: Westliche Diversitätskriterien sind historisch partikular – das Ergebnis einer institutionellen Entwicklung, die Improvisation aktiv verdrängt und aktive Publikumsteilhabe systematisch unterdrückt hat. Sie setzen ein Produktionsmodell voraus, das in anderen Musiksystemen keine direkte Entsprechung hat.
Teil II: Eigenlogik arabischer Musik – Struktur und Funktion
Dieser Teil beschreibt arabische Musik nach ihren eigenen Systemmerkmalen. Die wichtigste methodische Vorentscheidung: Der Vergleich darf nicht als Gegensatz zwischen improvisatorisch und nicht-improvisatorisch gefasst werden. Beide Traditionen kennen Improvisation. Der Unterschied liegt in der institutionellen Entscheidung, ob Improvisation das Zentrum oder die Peripherie des Musiksystems bildet.
2.1 Das Maqam-System: Mehr als Tonleiter
Die verbreitetste westliche Beschreibung des Maqam-Systems lautet: ein arabisches Äquivalent zur westlichen Tonleiter. Diese Beschreibung erfasst kaum ein Drittel dessen, was ein Maqam ist.
Ein Maqam ist gleichzeitig fünf Dinge: ein Tonvorrat mit Mikrotonen, die strukturell und affektiv bedeutsam sind; eine melodische Grammatik mit charakteristischen Bewegungsmustern; ein affektives Programm – Rast evoziert Ausgeglichenheit, Hijaz trägt Konnotationen von
Sehnsucht, Saba gilt als Maqam der Trauer; ein zeitlicher und kontextueller Rahmen; und ein Improvisationsraum, innerhalb dessen der Musiker strukturierte Freiheit entfaltet.
Das arabische Maqam-System umfasst je nach Region zwischen 30 und über 100 verschiedene Maqamat, von denen etwa 20 bis 30 im aktiven Gebrauch sind. Diese Differenzierung ist nicht gattungsbezogen, sondern affektiv und kontextuell – und genau deshalb für westliche Diversitätskriterien unsichtbar.
2.2 Improvisation als kompositorisches Prinzip
In arabischer Kunstmusik hat Improvisation ihren Status als strukturelles Zentrum bewahrt – eine Kontinuität, die im Kontrast zu westlicher Kunstmusik steht, nicht weil diese Improvisation nie gekannt hätte, sondern weil sie sie im Verlauf des 19. Jahrhunderts systematisch aus ihrem institutionellen Zentrum verdrängt hat. Der Taqsim – eine freie instrumentale Improvisation innerhalb eines Maqam – ist nicht Abweichung vom Werk, sondern Werk selbst.
Improvisation verlagert Kreativität von der Komposition zur Ausführung. Die Grenze zwischen Komponist und Interpret wird irrelevant. Improvisation erzeugt eine andere Form von Diversität: nicht die Diversität von Werken, die nebeneinander existieren, sondern die Diversität von Ausführungen, die zeitlich nacheinander entstehen – flüchtig, aber für Kenner hoch differenziert wahrnehmbar.
Exkurs: Improvisation in der westlichen Musikgeschichte – eine notwendige Korrektur
Die Gegenüberstellung arabischer und westlicher Musik darf nicht als Gegensatz zwischen improvisatorischer und nicht-improvisatorischer Musik gefasst werden. Improvisation war in der westlichen Musik bis weit ins 19. Jahrhundert eine zentrale Praxis – ihre Verdrängung ist ein historisches Ereignis, kein ästhetischer Naturzustand.
Im Barock war Improvisation professionelle Kernkompetenz: Der Generalbass verlangte von Tasteninstrumentspielern, aus einer bezifferten Basslinie vollständige Harmonisierungen zu improvisieren. Händel und Bach improvisierten regelmäßig an Cembalo und Orgel; von Bach ist überliefert, dass er Kontrapunktthemen so kunstvoll einführte, dass Zuhörer schworen, es sei alles sorgfältig auskomponiert. Kadenzen in Konzerten des 18. Jahrhunderts waren obligatorisch improvisiert – Mozart hat keine einzige Kadenz zu seinen eigenen Konzerten notiert, weil er sie jeweils frisch improvisierte. Beethoven galt als einer der überragenden Klavierimprovisatoren seiner Zeit und begeisterte das Wiener Publikum mit freiem Fantasieren.
Warum verschwand diese Praxis? Nicht aus ästhetischer Überzeugung, sondern aus institutionellen Gründen. Der romantische Werkbegriff – das Musikwerk als unveränderliches, dem Komponisten gehörendes Objekt – steht in direktem Widerspruch zur Improvisation (Dahlhaus 1978). Verlage, Urheberrecht und Konservatoriumsausbildung verstärkten diesen Druck. Was als Reifung der Kunstmusik erscheint, ist in Teilen eine institutionelle Verarmung.
Für den Vergleich mit arabischer Musik bedeutet das: Der Unterschied liegt nicht in der anthropologischen Disposition beider Kulturen zur Improvisation. Er liegt in der institutionellen
Entscheidung, ob Improvisation das Zentrum oder die Peripherie des Musiksystems bildet.
Arabische Kunstmusik hat diese Entscheidung anders getroffen – und dieser Unterschied ist erklärungsbedürftig, nicht selbstverständlich.
2.3 Tarab: Ästhetisches Ziel, gesellschaftliche Funktion und anthropologische Konstante
Kein Begriff ist für das Verständnis arabischer Musikästhetik zentraler als Tarab. Ali Jihad Racy definiert ihn als einen Zustand emotionaler Erregung und Transformation, der durch Musik ausgelöst wird und sowohl den Musiker als auch das Publikum erfasst. Tarab ist kein ästhetisches Nebenprodukt von Musik – er ist ihr primäres Ziel (Racy 2003).
Drei Aspekte des Tarab-Konzepts sind für den Vergleich besonders aufschlussreich. Erstens ist Tarab kollektiv: Musiker und Publikum berühren sich gleichzeitig, und diese Gleichzeitigkeit ist konstitutiv für das Erlebnis. Das Publikum einer Tarab-Aufführung ist nicht still – es reagiert mit Ausrufen, Kommentaren, Körperbewegungen. Zweitens setzt Tarab Interaktion voraus: Der Musiker reagiert auf das Publikum, steigert oder mäßigt seine Intensität in Abhängigkeit von der Publikumsenergie. Drittens verändert Tarab die Funktion technischen Könnens: Entscheidend ist die Fähigkeit, emotionale Tiefe zu erzeugen – was arabische Musiker als ihsas bezeichnen: Gefühl, Empfindung, innere Erfahrung. Ein Musiker mit perfekter Technik aber ohne ihsas spielt kalt.
Jonathan Shannon hat in seiner ethnographischen Studie zur Musik in Syrien gezeigt, dass Tarab nicht nur als emotionaler Zustand, sondern als spezifische Zeitlichkeit erfahren wird: Die Musik entfaltet sich in einem Raum zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Erwartung, der durch die Interaktion zwischen Musiker und Publikum konstituiert wird (Shannon 2003). Damit wird Tarab nicht nur als ästhetisches Phänomen, sondern als soziale Praxis greifbar, die von den Bedingungen ihrer Aufführung fundamental abhängig ist.
Was an dieser Beschreibung sofort auffällt: Es handelt sich nicht um ein exotisches, kulturspezifisches Phänomen. Es handelt sich um die arabische Benennung eines anthropologischen Grundzustands, den die westliche Soziologie seit Émile Durkheim kennt. In Die elementaren Formen des religiösen Lebens (1912) beschreibt Durkheim kollektive Efferveszenz als das gesteigerte Gefühl von Energie, Euphorie, Harmonie und Einheit, das entsteht, wenn Menschen an bestimmten Gruppenaktivitäten und Ritualen teilnehmen – und das die Grenze zwischen Individuum und Gruppe zeitweilig auflöst.
kollektive Efferveszenz ist empirisch gut dokumentiert: als Erfahrung bei religiösen Zeremonien, bei Sportveranstaltungen, bei Rockkonzerten und Festivals. Die sozialwissenschaftliche Forschung zeigt, dass das gemeinsame Erleben von Musik die Emotionen und Handlungen des Publikums synchronisiert (Collins 2004). Jimi Hendrix' improvisierte Nationalhymne vor 400.000 Menschen in Woodstock, B.B. Kings weinende Gitarre als vokale Technik im Instrumentalen, die Grateful Deads strukturell offene Konzertform mit Improvisationen von 20 Minuten und mehr – all das sind westliche Realisierungen desselben anthropologischen Grundzustands. Jazz kennt ihn als Groove und
kollektive Synchronisierung; früher New Orleans Jazz erzeugte ihn durch unmittelbare körperliche Beteiligung des Publikums.
Der Unterschied zwischen Tarab und westlicher kollektiver Efferveszenz liegt nicht im Grundphänomen, sondern in seiner institutionellen Rahmung und ästhetischen Kodierung. Tarab ist hochkodifiziert: Er ist an das Maqam-System gebunden, an die Qualität des ihsas, an die spezifische Interaktionsdynamik. Die kollektive Efferveszenz eines Rockkonzerts ist anders kodiert – lauter, körperlicher, weniger an eine Klangtradition gebunden. Aber das Grundphänomen ist dasselbe: die Auflosung der Grenze zwischen Performer und Publikum im gemeinsamen affektiven Erleben.
Für den Artikel ergibt sich daraus ein entscheidendes Argument: Westliche Diversitätskriterien sind nicht nur ungeeignet für arabische Musik, weil sie historisch partikular sind. Sie sind ungeeignet, weil sie auf der Grundlage eines institutionellen Rahmens entstanden sind – Konzertsaal, Werkfixierung, Schweigekultur -, der kollektive Efferveszenz aktiv verhindert. Der Konzertsaal ist nicht neutral: Er ist eine institutionelle Maschine, die Tarab strukturell unmöglich macht. Arabische Musik, die in diesem Format präsentiert wird, verliert eine ihrer zentralen ästhetischen Dimensionen.
2.4 Heterophonie, interne Diversität und gesellschaftliche Einbettung
Arabische Musik ist primär monodisch. Was wie ein Mangel an Mehrstimmigkeit erscheint, ist ein anderes Prinzip der Vielstimmigkeit: Heterophonie. Mehrere Musiker spielen dasselbe melodische Material gleichzeitig – aber jeder realisiert es leicht unterschiedlich.
Ornamentierungen, rhythmische Akzentsetzungen, mikrotonale Nuancen – jeder Musiker bringt seine individuelle Interpretation des gemeinsamen melodischen Raums ein. Heterophonie ist kein Entwicklungsstadium, sondern ein ästhetisches Prinzip, das Klangerlebnisse erzeugt, die Homophonie und Polyphonie nicht erzeugen können.
Arabische Musik ist intern hochgradig differenziert – entlang anderer Achsen als westliche Musik. Regional: Die Unterschiede zwischen ägyptischer Takht-Tradition, marokkanischer Andalusischer Musik, irakischem Maqam und Khaleeji-Musik sind strukturell und ästhetisch erheblich. Historisch: Von der mittelalterlichen Theorietradition al-Farabis und Ibn Sinas über die osmanisch beeinflusste Musik bis zur Nahda-Moderne und zur Gegenwart. Funktional: Religiöse Musik, zeremonielle Musik, Kunstmusik der Tarab-Tradition, Volksmusik und Popularmusik haben eigene ästhetische Kriterien und soziale Einbettungen.
Diese Diversität ist real und erheblich. Sie ist im westlichen Diversitätsdiskurs unsichtbar – nicht, weil sie nicht existiert, sondern weil die verwendeten Kategorien für ihre Beschreibung ungeeignet sind. Gesellschaftlich ist arabische Musik tief eingebettet: religiöse Praxis, politisches Ritual (Umm Kulthum als panarabisches Identitätsmedium), zeremonielle Begleitung. Diese Einbettungen bestimmen, welche ästhetischen Qualitäten Musik haben muss: nicht Originalität und Innovation, sondern Angemessenheit, Wiedererkennbarkeit, affektive Wirksamkeit.
Zwischenfazit: Arabische Musik ist ein strukturell kohärentes System mit eigener Diversitätslogik.
Ihr Zentralkonzept Tarab entspricht dem anthropologischen Grundzustand kollektiver Efferveszenz, der in westlichen Musiktraditionen ebenfalls realisiert wird, aber aus dem institutionellen Zentrum der Kunstmusik verdrängt wurde. Der Konzertsaal verhindert Tarab strukturell – und westliche Diversitätskriterien entstanden in genau diesem Rahmen.
Teil III: Epistemologische Kritik der Übertragung
3.1 Drei Mechanismen der Universalisierung
Die akademische Disziplin als Normierungsinstanz. Notenanalyse setzt Notenschrift voraus.
Gattungsgeschichte setzt distinkte, benennbare Gattungen voraus. Werkästhetik setzt fixierte, reproduzierbare Werke voraus. Arabische Musik erfüllt keine dieser Voraussetzungen in der erforderlichen Form. Das Ergebnis ist strukturell unvermeidlich: Arabische Musik erscheint durch diese Methoden als defizitär – nicht, weil sie es ist, sondern weil die Methode das, was sie leistet, nicht sehen kann.
UNESCO-Kategorien und ihre epistemischen Vorannahmen. Die Dokumentationsanforderung begünstigt Praktiken, die sich fixieren lassen – und benachteiligt strukturell flüchtige Praktiken wie Improvisation. Die Gefährdungslogik sperrt nicht-westliche Musikpraktiken in eine Konservierungslogik, die ihre Weiterentwicklung verdächtig macht.
Die Musikindustrie als globales Klassifikationssystem. Streaming-Plattformen organisieren Musik in Genres, die primär für westliche Popularmusik entwickelt wurden. Arabische Musik landet in Kategorien wie World oder Middle Eastern – Oberkategorien, die intern kaum differenzieren und eine imaginäre Gemeinschaft des Nicht-Westlichen konstruieren, die in der musikalischen Realität nicht existiert.
3.2 Machtasymmetrie, epistemische Gewalt und das Relativismusproblem
Wenn westliche Kategorien als Maßstab gelten, ist das Ergebnis des Vergleichs vorentschieden – nicht durch die Qualität der verglichenen Musik, sondern durch die Struktur des Vergleichsinstruments. Saids Orientalism (1978) zeigt, wie westliche Kategorien den Orient als kulturelles Anderes konstruieren. Was Said nicht analysiert, ist die zweite Ebene: dass diese diskursive Konstruktion auf einer strukturellen Inkompatibilität der Kategorien beruht. Die Wahrnehmung arabischer Musik als eintönig ist nicht nur eine orientalistische Projektion – sie ist das Ergebnis eines strukturellen Kategoriefehlers.
Der Begriff epistemische Gewalt (Spivak 1988) bezeichnet die Praxis, fremde Wissensformen durch die Anwendung eigener Kategorien unsichtbar zu machen. Wenn westliche Musikwissenschaft arabische Musik nach westlichen Kriterien bewertet, macht sie arabisches Musikwissen unsichtbar, indem sie es nicht als Wissen anerkennt.
Epistemische Gewalt ist oft nicht intentional – was sie schwerer korrigierbar macht.
Gegen den naheliegenden Relativismus-Einwand: Der Artikel unterscheidet zwischen falschen Universalen – westliche Gattungsdiversität als Maßstab – und offenen Universalen: Musik soll menschliche Erfahrung artikulieren, soziale Bindungen stiften, affektive Zustände erzeugen.
Letztere sind für beide Systeme anwendbar, ohne eines zu privilegieren.
3.3 Konkrete Konsequenzen der Übertragung
Verdeckte Förderungleichheit. Internationale Kulturförderungsprogramme bevorzugen arabische Musikprojekte, die westlichen Kategorien entsprechen: Orchester, Kammermusik, notiertes Material. Improvisatorische Tarab-Konzerte, zeremonielle Musik und oral tradierte Praxis erhalten systematisch weniger Unterstützung.
Curriculare Deformation. Musikhochschulen in arabischen Ländern, die internationale Anerkennung anstreben, haben vielfach westliche Curricula übernommen. Das Cairo Conservatoire unterrichtet Violine, Klavier und Cello nach westlichen Methoden. Diese Institutionen produzieren Musiker, die in internationalen Kontexten funktionieren – aber möglicherweise weniger tief in der eigenen Tradition verwurzelt sind.
Institutionelle Unterdrückung kollektiver Efferveszenz. Arabische Musiker, die auf internationalen Festivals in westlichen Konzertformaten auftreten – 90 Minuten, stilles Publikum, Konzentration auf das Werk -, verlieren die Ausführungsbedingungen, unter denen Tarab entstehen kann. Der Konzertsaal verhindert strukturell die Interaktion zwischen Musiker und Publikum, die das Zentralkonzept arabischer Musikästhetik konstituiert. Arabische Musik wird dann nach Kriterien bewertet, die ihre zentrale ästhetische Dimension unmöglich machen. Das ist keine Marginalie: Tarab ist nicht ein Aspekt arabischer Musik neben anderen – er ist ihr primäres Qualitätskriterium.
Zwischenfazit: Das Problem ist nicht nur diskursiv (Orientalismus als Vorurteil), sondern strukturell (Kategorien als epistemisch inkompatibel). Westliche Diversitätskriterien entstanden in einem institutionellen Rahmen, der kollektive Efferveszenz verhindert – und sie messen arabische Musik nach Kriterien, die diese Erfahrungsdimension nicht erfassen können.
Teil IV: Das Gegenargument – Hybridisierung und ihre Grenzen
4.1 Das Gegenargument in seiner stärksten Form
Arabische Musik hat seit der Nahda-Bewegung des 19. Jahrhunderts westliche Strukturelemente aktiv übernommen. Das Cairo Conservatoire unterrichtet westliche Instrumente und Musiktheorie. Große ägyptische Komponisten haben westliche Kompositionstechniken mit arabischen Materialien verbunden. Umm Kulthum spielte mit Orchestern, die westliche Streicher und Bläser einsetzten.
Wenn arabische Musik also hybride ist, dann ist die Gegenüberstellung zweier reiner Systeme eine Fiktion. Und wenn arabische Musiker selbst westliche Institutionen
übernommen haben, wäre es paternalistisch zu behaupten, sie hätten das unter falschen Voraussetzungen getan. Das ist das Gegenargument in seiner stärksten Form.
4.2 Was am Gegenargument berechtigt, ist
Die Verflechtung arabischer und westlicher Musiktraditionen ist real und tief. Arabische Komponisten haben aktiv selektiert, adaptiert, transformiert. Gamal Abdel Rahim hat westliche Kontrapunkttechniken mit Maqam-Material zu etwas Genuinen Neuen verbunden. Diese Handlungsmacht muss anerkannt werden. Die Grenze zwischen den Systemen ist poröser, als der Artikel suggerieren könnte.
4.3 Wo das Gegenargument zu kurz greift
Hybridisierung findet unter Machtasymmetrie statt. Westliche Musikinstitutionen hatten globale Legitimität, Förderstrukturen und Ausbildungswege. Arabische Musiktraditionen hatten lokale und regionale Tiefe, aber keine komparable globale Infrastruktur. Unter diesen Bedingungen war die Übernahme westlicher Elemente oft eine Reaktion auf externen Legitimationsdruck, nicht auf interne künstlerische Notwendigkeit.
Hybridisierung hat selektive Kosten. Die Einführung westlicher Konservatoriumsausbildung hat oral tradiertes Wissen in eine informelle Zone ohne institutionelle Anerkennung gedrängt. Das Werkkonzept hat die Rolle der Improvisation vom Zentrum zur Peripherie verschoben. Arabische Musiker, die in westlichen Konzertformaten auftreten, verlieren die Ausführungsbedingungen, unter denen Tarab entstehen kann.
Hybridisierung löst das Kategorienproblem nicht auf. Selbst wenn arabische Musik vollständig hybride wäre, würde das die epistemologische Frage des Artikels nicht beantworten. Die Frage ist nicht: Ist arabische Musik rein oder hybrid? Die Frage ist: Sind westliche Diversitätskriterien als universale Maßstäbe für Musik geeignet? Hybridisierung verändert das Material – aber nicht die epistemologische Struktur der Bewertung.
4.4 Situierte Kategorien als Weg aus der Dichotomie
Der Artikel lehnt die Authentizitätslogik ab, die dem Hybridisierungsargument oft implizit zugrunde liegt. Es gibt keine prä-hybride arabische Musik: Sie hat sich in einem Raum intensiver kultureller Verflechtung entwickelt – griechische Musiktheorie, persische Instrumente, osmanische Kompositionspraxis, andalusische Synthesen.
Der konstruktive Vorschlag sind situierte Kategorien: Analytische Kategorien werden explizit als situiert ausgewiesen. Der Vergleich zwischen Musiksystemen wird auf der Ebene der Funktion angesetzt: Wie erzeugt dieses System interne Differenzierung? Welche affektiven Zustände erzeugt es? Welche sozialen Bindungen stiftet es?
Zwischenfazit: Das Gegenargument ist partiell berechtigt – Hybridisierung ist real, arabische Musiker sind handlungsmächtige Akteure. Aber es unterschätzt
Machtasymmetrie, übersieht selektive Kosten und löst das epistemologische Kernproblem nicht auf.
Schluss: Konsequenzen ziehen – und offen enden
5.1 Was der Artikel geleistet hat
Der Artikel hat eine These in drei Schichten entwickelt. Historisch: Westliche Diversitätskriterien sind partikular und das Ergebnis einer aktiven Verdrängung improvisatorischer Praxis und aktiver Publikumsteilhabe – einer institutionellen Verarmung, nicht einer ästhetischen Reifung.
Strukturell: Arabische Musik ist ein eigenständiges ästhetisches System; ihr Zentralkonzept Tarab entspricht dem anthropologischen Grundzustand kollektiver Efferveszenz, der in westlichen Musiktraditionen (Blues, Rock, früher Jazz) ebenfalls existiert, aber aus dem institutionellen Zentrum der Kunstmusik verdrängt wurde. Epistemologisch: Die Übertragung westlicher Kategorien vollzieht eine epistemische Operation, die arabisches Musikwissen unsichtbar macht – mit konkreten Konsequenzen für Förderung, Ausbildung und Ausführungsformat.
Der spezifische Beitrag liegt in der Verbindung dieser drei Schichten: Der Nachweis, dass die diskursive Verzerrung auf einer strukturellen Inkompatibilität der Kategorien beruht – und dass der Konzertsaal als institutioneller Rahmen nicht neutral ist, sondern kollektive Efferveszenz aktiv verhindert.
5.2 Methodische Konsequenzen: Das Programm situierter Kategorien
Aus der Analyse ergeben sich fünf methodische Forderungen für die vergleichende Musikforschung.
Kategorientransparenz als Standard. Jede vergleichende Analyse sollte explizit ausweisen, aus welcher Tradition ihre Kategorien stammen und für welche Phänomene sie entwickelt wurden.
Funktionsvergleich statt Strukturvergleich. Die Frage lautet nicht: Hat arabische Musik Gattungen wie westliche Musik? Sondern: Wie erzeugt jedes System interne Differenzierung – und mit welchen ästhetischen Kriterien?
Arabische Musiktheoretiker als Primärquellen. Al-Farabis und Ibn Sinas theoretische Traditionen sollten als eigenständige Wissensquellen in den Forschungsdialog eingebracht werden.
Hybridität als eigenständiges Analysefeld. Die Zwischenwelten arabischer Musik – von Arabpop bis Mahraganat – verdienen Kategorien, die ihrer spezifischen Situation gerecht werden.
Institutionensensible Analyse. Ausführungsformate sind selbst ästhetische Entscheidungen.
Der Konzertsaal, der Salon, der öffentliche Platz – jeder dieser Räume ermöglicht
bestimmte Erfahrungsqualitäten und verhindert andere. Eine Analyse arabischer Musik, die ihren Ausführungskontext ignoriert, verfehlt ihr Objekt.
5.3 Zwei offene Fragen für zukünftige Forschung
Erstens: Wie lässt sich ein funktionales Tertium Comparationis für den Vergleich arabischer und westlicher Musik methodisch konkret operationalisieren?
Zweitens: Was bedeuten die hier entwickelten Kategorien für die Analyse zeitgenössischer arabischer Popularmusik – für Mahraganat, arabischen Hip-Hop, elektronisch produzierte Musik mit Maqam-Elementen? Diese Formen sind weder traditionell noch rein westlich; sie werfen die Kategorienfrage in neuer Schärfe auf.
Die Frage nach dem richtigen Maßstab für arabische Musik ist keine akademische Spitzfindigkeit. Sie entscheidet, welche Musik als bedeutsam gilt und welche als marginal; welche Tradition Förderung erhält und welche nicht; welches Wissen in Institutionen weitergegeben wird und welches verloren geht. Solange westliche Diversitätskriterien als selbstverständliche Universalien gelten, ohne dass ihre historische Partikularität, ihre institutionell erzeugte Blindheit für kollektive Efferveszenz und ihre funktionale Inkompatibilität mit arabischen Musiksystemen sichtbar gemacht werden, reproduzieren auch gut gemeinte Anerkennungspolitiken die Asymmetrien, die sie zu überwinden behaupten. Der erste Schritt zur Korrektur ist nicht die Antwort auf die Frage nach dem richtigen Maßstab – er ist die Erkenntnis, dass die Frage gestellt werden muss.
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