Wir waren zum zweiten Mal mit Ralf unterwegs. Er hat für unsere Schule ein Konzept entwickelt, das er Soziales Lernen nennt, Geben und Nehmen, in einem Wortpaar, das einfacher klingt, als es ist. Diesmal fuhren wir nach Sternhagen, in ein Seminarhaus der evangelischen Kirche, mit einem Garten, der die Verbindung von sozialen Übungen mit Spiel und Spaß herrlich verband. Von den achtundzwanzig Schülern, die offiziell zu meiner Klasse gehören, waren vierzehn dabei. Der Rest war krank, oder so schuldistanziert, dass er ohnehin selten den Weg in unseren Unterricht findet. Einige Mädchen durften auch nicht mit, weil deren Eltern es nicht erlaubten. Domenic, mein Co-Klassenleiter, und Kathrin begleiteten uns, Ralf leitete das Programm. Drei Tage lang aßen wir gut, hatten Glück mit dem Wetter, klärten die kleineren Konflikte, die eine Gruppe wie diese immer mit sich trägt. Am Ende hatten wir das Gefühl, dass es gut gelaufen war. Nicht perfekt. Gut.
Auf dem Rückweg standen wir am Bahnsteig in Prenzlau und warteten auf den Zug nach Berlin. Domenic sah ihn zuerst. Ein Mann in einem T-Shirt mit der Aufschrift: Zum Braunsein brauch ich keine Sonne. Ich wusste sofort, was dieser Satz bedeutete. Er ist kein Zufall und keine Mehrdeutigkeit. Er ist ein Code, gedacht, um von denen erkannt zu werden, die ihn verstehen sollen, und für alle anderen wie ein harmloser Spruch über Sonnenbräune durchzugehen. Wenig später bemerkte Kathrin eine Frau, die auf demselben Bahnsteig stand und etwas vor sich hin murmelte, unfreundlich, in Richtung unserer Klasse, nicht laut genug, um es genau zu verstehen, aber laut genug, um es zu meinen.
Domenic, Kathrin und ich sprachen kurz darüber, während wir warteten. Wie abscheulich das sei. Wie offen jemand so etwas tragen könne, mitten am Tag, auf einem Bahnsteig, ohne dass irgendjemand etwas sagte. Wir sahen zu unserer Klasse hinüber und hatten das Gefühl, dass die Schüler nichts davon mitbekommen hatten, den Satz auf dem T-Shirt vielleicht gar nicht hätten entschlüsseln können. Das war die eine Wahrheit, die wir in diesem Moment wahrnahmen. Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob sie die einzige ist.
Ich glaube, dass solche Blicke, solche Spannung in der Luft, sich zwar dem Bewusstsein entziehen können, aber trotzdem irgendwo im Körper ankommen. Vielleicht haben meine Schüler das schon zu oft erlebt, um es noch zu registrieren, ein Reiz, der ausgefiltert wird, weil er sich zu oft wiederholt hat. Vielleicht verbinden sie ihn wirklich nicht mit sich selbst. Ich kann das nicht wissen. Ich habe nur meine eigene Wut gespürt, dass so etwas offen getragen werden kann, akzeptiert genug, dass niemand einschreitet, nicht die Umstehenden, nicht ich. Ich hatte keine Lösung parat. Ich stand nur da, ärgerte mich, und wartete mit den anderen auf den Zug.
II. Ein Wort, das sie sich selbst geben
In meiner Klasse gibt es eine Gruppe von vier Jungs unterschiedlicher familiärer Herkunft, von verschiedenen Kontinenten, zwei von ihnen sprechen zu Hause dieselbe Sprache, die anderen beiden nicht einmal das. Sie gehören zu den angenehmsten Schülern, die ich unterrichte, freundlich, leistungsbereit, im Umgang miteinander hilfsbereit. Sie nennen sich selbst, scherzhaft, die Ausländer. Wenn einer von ihnen etwas nicht so hinbekommt, wie die Aufgabe es verlangt hätte, ruft ein anderer: Der Ausländer hat's wieder nicht richtig gemacht. Alle lachen, auch der, der gemeint ist.
Das hat sich so verfestigt, dass mittlerweile auch mein Co-Klassenleiter und ich manchmal von den Ausländern sprechen, wenn wir diese vier meinen. Die Jungs lachen dann mit.
Und doch: Von achtundzwanzig Schülern meiner Klasse besitzen zwei einen deutschen Pass. Das Wort müsste, folgte es der Formalie, die es zu benennen behauptet, für fast die ganze Klasse gelten. Es gilt aber nur für diese vier. Warum genau die vier sich so genannt haben, kann ich nicht sauber beantworten. Wahrscheinlich hat einer der Jungs seine Freundesclique so einmal genannt, und es ist hängengeblieben.
Ich habe mich gefragt, ob das ist wie ein Wort, das eine Gruppe sich selbst zurückerobert, so wie manche schwarzen Communities untereinander ein Wort verwenden, das von außen eine Waffe wäre.
Aneignung als Verteidigung: Wenn ich es zuerst über mich sage, kann mich niemand mehr damit treffen. Aber ich bin mir nicht sicher, ob das hier zutrifft. Denn das Wort bleibt nicht unter ihnen. Ich verwende es auch, und ich bin nicht Teil der Gruppe, die es sich angeeignet haben könnte. Wenn ich es sage, ist es dann noch dieselbe Aneignung? Oder benutze ich, mit bester Absicht, immer noch das Wort der anderen, nur freundlicher verpackt?
Was mich daran am meisten beschäftigt, ist etwas, das ich in einem ganz anderen Zusammenhang schon einmal gedacht habe. Eine Hymne verlangt Identität, sofort, ohne Prüfung, mit jedem, der zufällig unter derselben Fahne steht, ganz gleich, wie unterschiedlich die Menschen darunter tatsächlich sind. Genau das tut auch dieses Wort. Vier Herkünfte, verschiedene Kontinente, verschiedene Sprachen zu Hause, unter einem einzigen Wort zusammengefasst, so als wäre das, was sie unterscheidet, weniger wichtig als das, was sie angeblich verbindet: nicht von hier zu sein. Das ist keine Verwandtschaft, die Unterschiede stehen lässt. Es ist eine Identität, die sie einebnet, nur dass diesmal die vier sie sich selbst gegeben haben, bevor es jemand anderes tun konnte.
Ich kann nicht einmal sicher sagen, ob alle vier das Wort gleich empfinden. Ob es für jeden von ihnen derselbe Witz ist, oder ob sich in einem von ihnen etwas dagegen sträubt, das er nie zeigt, weil die anderen drei lachen. Ich benutze das Wort mit ihnen, weil ich die Absurdität darin für mich komisch finde, dass ausgerechnet diese vier, in einer Klasse, in der fast niemand einen deutschen Pass hat, zu den Ausländern werden. Ich selbst mache diese Unterscheidung im Unterricht sonst nicht. Für mich sind sie Individuen, mit eigener Geschichte, eigenen Fähigkeiten, eigenen Schwächen, das Wort Ausländer ist mir dabei fremd, fast ein Fremdwort für mich selbst.
Für meine Schüler ist es das wahrscheinlich nicht. Sie begegnen diesem Wort draußen, außerhalb meines Klassenzimmers, nicht als Ironie, sondern als das, was es meistens ist. Wenn ich es benutze, tue ich das aus einer Distanz heraus, die sie sich nicht leisten können. Für mich ist es ein Scherz über eine Absurdität. Für sie könnte es das sein, oder etwas, das ihnen sehr viel näher kommt, als ich in einem Klassenzimmer je erfahren werde.
III. Der Radius
Ich habe lange nach einem Moment gesucht, der diesen Teil tragen könnte, eine Situation, in der ich bei einem Schüler gesehen hätte, wie sein Körper auf Ausgrenzung reagiert, sichtbar, benennbar. Ich habe keinen gefunden. Keiner meiner Schüler hat mir je von einer konkreten Situation erzählt, in der er sich ausgegrenzt gefühlt hätte. Das beunruhigt mich mehr, als es mich beruhigt.
Denn gleichzeitig fällt mir etwas anderes auf, seit ich genauer hinsehe. Meine Schüler kommen selten aus ihrem Kiez heraus. Sie kennen die Orte nicht, an die ein typischer Berliner zum Feiern geht, zum Abhängen, um sich die Stadt anzusehen. Die Sehenswürdigkeiten, die für Touristen und für viele Alteingesessene selbstverständlich zu Berlin gehören, sind ihnen oft fremd. Sie leben in einer Stadt, die sie sich nicht zu eigen machen.
Ob das Zufall ist, Bequemlichkeit, fehlendes Geld oder etwas anderes, kann ich nicht sagen. Aber ich kann nicht aufhören, darüber nachzudenken, ob dieser enge Radius nicht selbst schon die Antwort ist, nach der ich gesucht habe. Kein einzelner Moment, an dem ein Körper sichtbar zusammenzuckt. Sondern eine über Jahre eingeübte Vorsicht, die sich nicht mehr wie Angst anfühlt, weil sie sich längst als normal eingerichtet hat. Vielleicht ist es einfacher, sich eine Stadt gar nicht erst anzueignen, als immer wieder zu spüren, dass sie einen nicht ganz will. Vielleicht ist der Rückzug in den Kiez sein eigener Selbstschutz, so gewöhnlich geworden, dass er niemandem, auch den Schülern selbst nicht, mehr wie Schutz vorkommt.
Ich misstraue mir selbst dabei. Ich weiß, wie leicht sich ein Muster bestätigt, sobald man danach sucht, wie zwei unabhängige Beobachtungen plötzlich zueinanderpassen und man das für einen Beweis hält, obwohl es vielleicht nur derselbe Verdacht ist, zweimal angewendet. Es gibt einfachere Erklärungen. Geld. Gewohnheit. Freundeskreise, die sich im eigenen Kiez längst vollständig anfühlen, ganz ohne Bezug zu Herkunft. Jugendliche generell, die seltener dorthin fahren, wo Erwachsene sie vermuten würden. Ich kann diese Erklärungen nicht ausschließen, und ich sollte nicht so tun, als hätte ich sie widerlegt, nur weil meine eigene Deutung mir plausibler erscheint.
Was bleibt, ist eine Landkarte, die ich mir aus der Ferne zusammengereimt habe: ein Radius, der sich nie über denselben Kiez hinausbewegt, und eine Stille, die ich nicht anders zu lesen weiß als durch das, was in ihr fehlt.
IV. Publikum
Ich bin überzeugt, dass unsere Anwesenheit nichts verändert hat. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Mann mit dem T-Shirt oder die murmelnde Frau sich von drei Erwachsenen neben einer Schulklasse in irgendeiner Weise hätten beeindrucken lassen. Wir waren keine Barriere. Wir waren höchstens Publikum.
Ich habe keinen von beiden angesprochen. Ich habe in dem Moment abgewogen: Was würde eine Konfrontation bringen, außer Eskalation? Und was, wenn ich damit erst eine Situation heraufbeschwöre, die meine Schüler bis dahin gar nicht wahrgenommen hatten? Domenic, Kathrin und ich haben die beiden die ganze Zeit über beobachtet, bereit, sofort einzuschreiten, in dem Moment, in dem einer von ihnen einen unserer Schüler direkt angesprochen hätte. Das ist nicht passiert. Also blieben wir stehen, warteten, sahen zu.
Ich weiß nicht, ob das die richtige Entscheidung war. Ich weiß nur, dass seitdem ein Gefühl von Ohnmacht in meinem Körper sitzt, das ich vorher so nicht kannte. Nicht die Ohnmacht, nichts gesagt zu haben. Die Ohnmacht, gewusst zu haben, dass es ohnehin nichts geändert hätte.
V. Die Treppenstufen
Es gibt eine professionelle Distanz, die man als Lehrer wahren soll, und ich versuche, sie zu wahren. Aber ich weiß auch, dass Beziehung nicht nur beim Lernen hilft, sondern dass sie mir selbst die Arbeit erst erträglich macht. Ich liebe es, mit meinen Schülern zu lachen, mit ihnen über alltägliche Dinge zu sprechen. Wir verbringen unter der Woche mehr Zeit miteinander als mit fast irgendjemand sonst. Trotz der Machtposition, die ich als Lehrer unweigerlich habe, will ich auch jemand sein, der ihre Stärken sieht und ihnen hilft, an dem zu arbeiten, was schwer ist.
Eine Situation ist mir dabei besonders geblieben, mit einer Schülerin, die inzwischen nicht mehr bei uns ist. Der Unterricht war an diesem Tag so unruhig, so vollgestopft mit Störungen, dass ich irgendwann nicht mehr weiterwusste. Ich wollte nicht brüllen. Ich sagte der Klasse: Leute, ich muss jetzt rausgehen, ich halte das gerade nicht aus, sonst werde ich noch laut und gemein. Wenn ich wiederkomme, reden wir darüber, was hier passiert ist. Dann ging ich raus, setzte mich auf die Treppenstufen, versuchte durchzuatmen.
Nach einer Weile kam diese Schülerin heraus, mit zwei Freundinnen. Sie sah mich an und fragte: „Ist alles in Ordnung, Mausi?“
Das hat mich vollständig entwaffnet. Ich musste lachen. Ich bin zu alt, um darin eine Respektlosigkeit zu sehen, ich konnte es nur als das lesen, was es war, ein Beziehungsangebot, unerwartet, in genau dem falschen und genau dem richtigen Moment. Dieser Humor hat mir die Kraft gegeben, zurück in die Klasse zu gehen und den Vorfall mit ihnen aufzuarbeiten.
Ich erzähle diese Szene gern. Sie zeigt etwas Echtes, dass zwischen mir und meinen Schülern etwas gewachsen ist, das über bloße Aufsicht hinausgeht. Aber ich merke auch, wie bequem mir diese Erzählung ist. Sie handelt von mir, nicht von dem, was mich vorher in diesem Text beschäftigt hat. Sie beantwortet nicht, ob diese Nähe irgendetwas an dem ändert, was am Bahnsteig geschah, oder daran, dass meine Schüler sich einen Kiez suchen, den sie nie verlassen. Vielleicht hilft es wirklich, wenn ein Unterricht eskaliert, so genannt zu werden. Ich bin mir nicht sicher, ob es auch hilft, wenn jemand am Bahnsteig ein T-Shirt trägt. Ich fürchte, das sind zwei verschiedene Sorten von Sicherheit, und ich habe mir angewöhnt, mit der einen zufrieden zu sein, weil die andere außerhalb meiner Reichweite liegt.
VI. Nebeneinander
Zurück im Klassenzimmer geht der Unterricht weiter, wie er immer weitergeht. Niemand hat die Bahnsteig-Szene noch einmal erwähnt, nicht die Schüler, nicht Domenic, nicht ich. Wir sprechen wieder über Vokabeltests, über wer neben wem sitzen darf, über die üblichen kleinen Kämpfe eines Schultags. Die vier Jungs nennen sich weiterhin die Ausländer, wenn einer einen Fehler macht. Ich benutze das Wort manchmal noch immer, auch wenn ich seit jenem Nachmittag am Bahnsteig genauer hinhöre, wenn ich es sage, hin und hergerissen zwischen der Nähe, die dieses Wort in Zusammenhang mit diesen Jungs bedeutet, und der Widerlichkeit, die dieser Gedanke in dem T-Shirt des Nazis trägt.
Ich habe keine Antwort gefunden, wie diese Klasse in einer Stadt leben soll, die sie sich nicht ganz aneignet, und ich habe auch keine Antwort darauf, ob meine Nähe zu ihnen irgendetwas an diesem größeren Zustand ändert. Beides bleibt nebeneinander bestehen, ohne sich zu berühren, die Wärme in einem Klassenzimmer und die Kälte auf einem Bahnsteig, beide echt, beide unabhängig voneinander.
Es gibt noch etwas, das ich mir eingestehen muss, bevor dieser Essay endet. During und Nishida habe ich gelesen, ohne dass sie je erfahren, was ich über sie denke. Özil und Höcke haben sich selbst in die Öffentlichkeit gestellt, mit allem, was das an Angreifbarkeit mit sich bringt. Meine Schüler haben nichts davon getan. Sie sind mir anvertraut worden, nicht als Material, sondern als Menschen, die ich unterrichten soll. Wenn ich hier über sie schreibe, und sei es mit aller Zuneigung, nehme ich mir etwas heraus, das sie mir nicht gegeben haben. Ich habe versucht, so zu schreiben, dass niemand in der Schule sie wiedererkennt, außer vielleicht sie sich selbst. Ob mir das gelungen ist, kann ich nicht beurteilen. Es ist eine weitere Form von Nähe, die ich mir genommen habe, ohne zu fragen.
VII. Nachklang
Ich habe diesen Essay mit einem Mann in einem T-Shirt begonnen und mit einem Lachen in meinem eigenen Klassenzimmer beendet. Ich möchte nicht, dass beides gleichgesetzt wird. Der Mann am Bahnsteig trug eine Drohung. Meine Schüler, wenn sie sich selbst die Ausländer nennen, tragen etwas, das sich wie Zuneigung anfühlt, wie ein Insider-Witz zwischen Freunden.
Und doch kann ich die beiden nicht ganz voneinander trennen, so sehr ich es möchte. Beide beruhen auf derselben Grundbewegung, jemanden über sein Anderssein zu benennen, bevor irgendetwas sonst über ihn gesagt wird. Der eine Fall ist Gewalt. Der andere ist, wie ich mir einrede, Liebe. Vielleicht ziehe ich diesen Unterschied, weil er wirklich existiert. Vielleicht ziehe ich ihn nur, damit ich morgen früh wieder mitlachen kann, wenn ich das Wort in meinem Klassenzimmer höre.