Berlin, 2026
Im Sommer 2006 hingen überall Deutschlandfahnen. Aus Autofenstern, von Balkonen, an Kinderwagen. Die Weltmeisterschaft fand im eigenen Land statt, und das Motto dazu lautete: Die Welt zu Gast bei Freunden. Ich sah das Turnier vor allem im Public Viewing, mit Freunden, in der Hitze dieses Sommers. Auch dort habe ich nie laut mitgesungen, das habe ich nie getan, weder dort noch bei den Spielen, die ich zu Hause sah. Aber ich ging in Gedanken mit, ließ mich tragen von dem, was diese Hymne in diesem Sommer zu bedeuten schien. Es irritierte mich nicht. Seitdem habe ich die meisten Spiele allein vor dem Fernseher gesehen, und auch da habe ich nie laut mitgesungen.
Zwölf Jahre später saß ich allein zu Hause und scrollte durch Facebook, als mir die Fotos zum ersten Mal begegneten. Mesut Özil und İlkay Gündoğan, beide Nationalspieler, posierten gemeinsam mit Recep Tayyip Erdoğan. Freundlich, nah, fast familiär. Mein erster Gedanke galt nicht der Politik. Er galt Özil. Ich dachte: typisch, dass ausgerechnet er das tut – jemand, dem ich auf dem Platz ohnehin oft eine gewisse Rückgratlosigkeit in der Körpersprache angesehen hatte, schien sich hier zu bestätigen. Mit Gündoğan hatte ich merkwürdigerweise weniger Probleme, obwohl das Foto dasselbe zeigte. Ich habe bis heute keine ganz saubere Erklärung dafür.
Ich wusste, wofür Erdoğan stand. Eine Politik, die Meinungsfreiheit einschränkt, die sich Macht auf fragwürdigem Weg gesichert hat, die politische Gegner mundtot macht, so gut es innerhalb der eigenen, kaum noch demokratisch zu nennenden Strukturen geht. Und hier standen zwei Spieler, mit denen ich wenige Wochen später vielleicht die Hymne meines Landes mitsingen würde, lächelnd neben ihm.
Ich habe mich in dieser Saison von Özil als Repräsentanten der Nationalmannschaft abgewandt. Ich ging den Gedanken nicht mehr mit. Diesen Rückzug habe ich damals noch nicht als das erkannt, was er eigentlich war. Ich hatte einen Spieler abgelehnt, nicht die Hymne selbst infrage gestellt.
Das kam erst später, langsam, über Jahre. Ich erinnere mich, dass mich früher die Diskussionen befremdet hatten, wenn einzelne Nationalspieler öffentlich erklärten, sie würden die Hymne grundsätzlich nicht mitsingen. Das erschien mir seltsam, fast unhöflich. Heute kann ich das sehr viel besser nachvollziehen. Und wenn ich ehrlich bin, weiß ich selbst nicht mehr genau, ob ich sie auf dem Platz mitsingen würde.
II. Der Reflex, das Fremde zu schließen
Vielleicht war Özil nie der eigentliche Grund. Vielleicht war er nur der Anlass, an dem mir zum ersten Mal auffiel, was mich seitdem nicht mehr losgelassen hat: dass eine Hymne Einheit behauptet, wo in Wirklichkeit oft keine ist.
Denn wenn ich ehrlich bin, hatte mein Unbehagen wenig mit Erdoğan allein zu tun. Es hätte genauso gut jemand sein können, der einer Partei nahesteht, die ich ablehne, ohne dass sie im Geringsten radikal wäre. Jemand, der eine neoliberale Politik vertritt – nicht wegen einzelner Positionen, die mich kaum interessieren, sondern weil ich glaube, dass genau diese Ideologie über Jahrzehnte etwas in der Gesellschaft verschoben hat, das viele der Probleme, die wir heute beklagen, erst hervorgebracht hat. Jemand, dessen Vorstellung von Familie, von Sicherheit, von Leistung meiner eigenen fremd ist, ohne dass er deshalb ein schlechter Mensch wäre. Die Hymne verlangt von mir, mit all diesen Menschen dasselbe Lied zu singen, im selben Moment, mit derselben Geste – nicht weil wir uns einig wären, sondern weil ein Symbol behauptet, dass wir es sind.
Genau das hatte ich, ohne es zu ahnen, in einem ganz anderen Zusammenhang schon einmal gedacht. Wenn ich einem Philosophen begegne, der aus einer mir fremden Tradition kommt, habe ich gelernt, zwischen Verwandtschaft und Identität zu unterscheiden. Identität beendet ein Gespräch. Verwandtschaft eröffnet eines. Eine Nationalhymne kennt diese Unterscheidung nicht. Sie fordert Identität, sofort, ohne Prüfung – mit jedem, der zufällig unter derselben Fahne steht.
Und ich glaube, darin liegt der Grund, warum wir uns gegen das Fremde wehren, nicht nur bei Hymnen. Nicht weil das Fremde falsch wäre. Sondern weil seine bloße Anwesenheit die behauptete Einheit sichtbar macht als das, was sie ist: eine Behauptung, keine Tatsache. Ein Özil-Foto mit Erdoğan war unbequem, weil es die Fiktion störte, dass alle unter derselben Hymne dasselbe meinen. Die Fiktion war nie wahr. Sie war nur bis dahin unbefragt.
Was mich seitdem am meisten irritiert, ist nicht Erdoğan, und es ist auch nicht Özil. Es ist die Selbstverständlichkeit, mit der ich zwölf Jahre lang gedanklich mitgesungen habe, ohne mich zu fragen, wer eigentlich neben mir stand.
III. Der Körper, der zuerst entscheidet
Wenn ich heute an diesen Moment vor dem Bildschirm zurückdenke, fällt mir etwas auf, das mir damals selbst verborgen blieb. Bevor ich politisch urteilte, war ich bereits verärgert. Die Verärgerung kam zuerst. Die Gründe kamen später, sortiert, formuliert, mit Erdoğans Politik unterlegt, mit Meinungsfreiheit und Machtmissbrauch begründet. Aber etwas in mir hatte schon reagiert, bevor irgendein Gedanke dazu fertig war.
Das habe ich lange für ein moralisches Urteil gehalten, sauber und begründet. Heute glaube ich, dass es zuerst etwas anderes war. Ein Zusammenziehen. Eine Abwehr, die im Körper begann und sich erst im Nachhinein in Sprache übersetzte. Nicht das Denken hat entschieden, dass mir diese Fotos fremd waren. Der Körper hatte das längst entschieden, und das Denken lieferte die Begründung nach.
Vielleicht erklärt das, warum ich bei Gündoğan weniger empfunden habe als bei Özil, obwohl das Foto dasselbe zeigte. Hätte ich rein rational geurteilt, hätte beides gleich viel wiegen müssen. Aber mein Körper reagierte auf etwas anderes – auf eine Nähe oder Fremdheit, die ich Özil gegenüber offenbar früher und stärker empfand, aus Gründen, die mit seiner Politik nichts zu tun hatten. Vielleicht mit seiner Körpersprache auf dem Platz, mit einem Bild, das sich über Jahre in mir festgesetzt hatte. Das ist unbequem zuzugeben. Es zeigt, dass mein Urteil weniger sauber war, als ich es mir gerne erzählt hätte.
Özil selbst hat, als er 2018 aus der Nationalmannschaft zurücktrat, sinngemäß gesagt: Für die Deutschen sei er deutsch, wenn sie gewinnen, und Migrant, wenn sie verlieren. Erzwungene Zugehörigkeit, die bei der ersten Gelegenheit widerrufen wird – das trifft genau das, wovon dieser Essay handelt. Und trotzdem, wenn ich ehrlich bin: Dieser Satz klang mir damals auch nach Opfergerede. Nach jemandem, der keine Verantwortung übernimmt, der kein Rückgrat zeigt, sondern die Schuld nach außen verlagert. Genau das war ja auch mein Eindruck von seiner Körpersprache auf dem Platz gewesen, der gesenkte Kopf, die hängenden Schultern. Beide Urteile passen zu genau demselben Bild. Das beunruhigt mich mehr, als es mich bestätigt. Vielleicht ist diese Passgenauigkeit nicht der Beweis, dass ich recht hatte. Vielleicht ist sie der Beweis, dass ich in beiden Fällen dasselbe Muster gesucht und gefunden habe.
Ich unterrichte seit Jahren Jugendliche, und dort sehe ich es unverstellter. Bevor ein Schüler etwas Fremdes ausspricht oder tut, reagiert der Raum. Schultern ziehen sich zusammen. Blicke wandern zu Boden oder fixieren sich. Niemand hat in diesem Moment nachgedacht. Der Körper hat schon entschieden, dass etwas nicht passt, lange bevor irgendjemand hätte sagen können, warum.
Das ist keine Entschuldigung für Ablehnung. Aber es verschiebt die Frage. Wenn der Körper zuerst reagiert, dann beginnt die Ablehnung des Fremden nicht mit einer Meinung, die man ändern könnte, indem man ein besseres Argument liefert. Sie beginnt an einem Ort, der Argumenten gar nicht zugänglich ist.
Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum eine Hymne so leicht funktioniert und so schwer zu hinterfragen ist. Sie fordert keine Überzeugung. Sie verlangt nur, dass der Körper mitgeht – aufstehen, die Hand aufs Herz, die Melodie mitsummen. Und wenn der Körper einmal mitgegangen ist, folgt das Gefühl der Zugehörigkeit oft von selbst, ganz gleich, wer sonst noch mitsingt.
Was für mich gilt, gilt vermutlich für viele zugleich. Ein Mensch, der erschöpft ist, der um seine wirtschaftliche Sicherheit fürchtet, der sich in der eigenen Stadt fremd fühlt, hat weniger Kapazität, das Fremde auszuhalten – nicht weil er schlechter wäre, sondern weil ein Nervensystem im Alarm nicht mehr fein unterscheidet. Es fragt nur: dazu oder nicht dazu. Genau das liefert eine Hymne, mühelos, ohne Gespräch, ohne Prüfung. Man muss nur aufstehen und mitsingen, und schon gehört man dazu. Das soll niemanden entschuldigen, der sich hinter einer Fahne versteckt, um auszugrenzen. Aber es verschiebt, wo ich ansetzen würde, wenn mich das wirklich stört – nicht zuerst mit einem besseren Argument, sondern mit der Frage, warum so viele Menschen gerade jetzt so erschöpft sind, dass ihnen ein Lied genügt, um sich zugehörig zu fühlen.
IV. Was das kostet
Wenn ich das bei mir selbst beobachte, denke ich zwangsläufig an diese Schülerschaft. Viele von ihnen sind zwischen Ländern aufgewachsen, ohne dass ihnen die Frage der Zugehörigkeit je bewusst gestellt worden wäre – sie leben einfach darin. Im Unterricht sprechen wir Deutsch. Aber in den Pausen bilden sich immer wieder kleine Sprachinseln, die russischsprachigen Schüler unter sich, ein paar arabische Sätze in einer anderen Ecke. Die wenigsten haben einen deutschen Pass. Und ich würde vermuten, dass fast keiner von ihnen beim Fußball die deutsche Hymne mitsingen würde – die Liebe zur Fußballnation der Herkunft ist bei vielen spürbar stärker als jede Bindung an das Land, in dem sie jetzt leben.
Ich weiß nicht, woran das liegt. Vielleicht stehen ihnen tatsächlich Dinge im Weg, die ihnen Zugehörigkeit verweigern, ohne dass sie etwas dafür könnten. Aber vielleicht ist es auch andersherum: Vielleicht ist das Festhalten an der Herkunftssprache, an der Herkunftsnationalmannschaft, selbst eine Form von Zugehörigkeit, die sie aufgeben müssten, wenn sie sich zu weit auf Deutschland einließen. Ich kann diese beiden Möglichkeiten nicht auseinanderhalten. Aber ich sehe klar, was das für meine eigene Position bedeutet: Wenn ich die Hymne nicht mitsinge, kostet mich das nichts. Niemand zweifelt deswegen an meiner Zugehörigkeit zu diesem Land. Für meine Schüler ist dieselbe Frage kein Akt der Haltung. Sie ist ihr Alltag, und sie beantwortet sich nicht dadurch, dass man einmal im Stadion den Mund geschlossen hält.
Und ich will auch nicht so tun, als sei an diesem gemeinsamen Singen nur Gefahr. Ich habe selbst erlebt, in ganz anderem Zusammenhang, bei Pete and the Jam, wie viele Stimmen sich zu etwas Drittem verbinden, das keinem allein gehört. Dieses Gefühl ist echt. Es ist nicht nur etwas für die Erschöpften und Ängstlichen, es ist etwas, das Menschen brauchen, auch gesunde, auch souveräne. Wenn ich mich weigere, mitzusingen, verzichte ich auf etwas, nicht nur auf eine Behauptung, die ich durchschaut habe. Ich habe lange nicht ehrlich gefragt, ob mein Nicht-Mitsingen nur ein Akt der Klarheit ist, oder auch ein kleiner, freiwilliger Verzicht auf etwas, das ich mir woanders holen muss.
V. Gastfreundschaft ist keine Grenzenlosigkeit
Wenn ich das bis hierhin so stehen lasse, klingt es, als müsste ich jedem, der neben mir eine Hymne mitsingt, mit derselben Offenheit begegnen, mit der ich During oder Nishida begegnet bin. Das wäre falsch, und ich will diesen Fehler nicht machen.
In meinem Denken über den Zwischenraum gibt es neben der Offenheit ein zweites Prinzip, das genauso wichtig ist: die Grenze. Offenheit darf nicht in Selbstverlust enden. Ein Gast, der das Haus betritt, um es niederzureißen, ist kein Gast mehr. Er hat aufgehört, in Beziehung zu treten, und begonnen, die Möglichkeit von Beziehung selbst zu zerstören.
Darin liegt für mich der Unterschied zwischen dem politischen Gegner und dem, der die Politik selbst als offenen Raum abschaffen will. Der Mensch, den ich mir am Anfang vorgestellt habe – der einer Partei nahesteht, die ich ablehne, ohne dass sie radikal wäre –, bleibt ein möglicher Gesprächspartner, jemand, mit dem ich Verwandtschaft suchen kann, ohne Identität zu behaupten, so wie mit During. Aber wer eine Hymne benutzt, um genau diese Suche unmöglich zu machen – um Zugehörigkeit an die Auslöschung von Differenz zu knüpfen, um zu verlangen, dass ich aufhöre zu fragen, wer neben mir steht –, hat den Zwischenraum selbst angegriffen, nicht nur eine Position darin bezogen. Ich denke dabei nicht abstrakt. Ich denke an Pegida, aus deren Straßenprotesten die AfD hervorgegangen ist, eine Partei, die ich vom ersten Tag an abgelehnt habe und deren Ablehnung sich seither nur vertieft hat. Ich denke an Björn Höcke, der in einem Landesverband dieser Partei mittlerweile den Ton angibt, den der Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem einstuft. Wenn Menschen wie er die Hymne singen, ist das kein Zeichen von Zugehörigkeit zu einem gemeinsamen Land. Es ist die Behauptung, zu wissen, wem dieses Land eigentlich gehört.
Diesen Unterschied konnte ich lange nicht sauber ziehen. Manchmal hielt ich mich für zu offen, wenn ich rechten Positionen zuhören wollte, um sie zu verstehen. Manchmal für zu geschlossen, wenn ich es irgendwann nicht mehr konnte. Die Frage war die falsche. Es geht nicht darum, wie viel Offenheit ich schulde. Es geht darum, ob mein Gegenüber selbst noch antwortet – oder ob er nur noch verlangt, aufgenommen zu werden, ohne selbst Raum zu lassen.
Eine Hymne allein entscheidet das nicht. Man kann sie singen und trotzdem antwortfähig bleiben. Aber wo sie benutzt wird, um genau diese Antwortfähigkeit stillzulegen – wo Zugehörigkeit heißt, nicht mehr fragen zu dürfen –, ist die Grenze erreicht, die auch die größte Gastfreundschaft ziehen darf, ohne sich selbst zu widersprechen.
VI. Was das mit Musik zu tun hat
Ich habe mein ganzes Leben lang versucht, mich in der Musik einer Authentizität anzunähern, die nicht meine eigene ist. Aber ich habe nie wirklich studiert, wie man dahin kommt. Nicht Jazz, nicht Klassik. Bebop-Linien habe ich nie geübt. Die Voicings, wie Bill Evans sie gespielt hat, spiele ich bis heute nicht bewusst. Nicht, weil ich zu dumm dafür gewesen wäre. Ich hatte immer das Gefühl: Warum soll ich mir etwas mühsam aneignen, um es nachzumachen, statt an meinem eigenen Klang zu feilen, meine eigene Sprache zu finden? Aber ich war immer wieder in Situationen, in denen andere sich gewünscht hätten, ich würde eben so spielen, wie man das vom Jazz her kennt. Bis heute weiß ich nicht genau, was das war. Bequemlichkeit, die Mühe der Aneignung zu scheuen. Oder ehrliches Desinteresse, das sich im Nachhinein wie eine Entscheidung anfühlt. Ich kann diese beiden Möglichkeiten nicht sauber auseinanderhalten. Was ich wirklich habe, sind die einzelnen Elemente meiner eigenen Biografie, aus denen ich etwas Eigenes mache, das der Sache, die ich eigentlich meine, immer nur nahekommt, nie mit ihr zusammenfällt.
Politik hat mich immer interessiert. Ich beobachte sie, ich habe eine Haltung, ich bin ein politischer Mensch. Aber ich habe lange nicht gesehen, dass derselbe Zweifel, den ich in der Musik kenne, auch hier wartet. Wenn ich mich einer Musik nähere, die nicht meine ist, zweifle ich intuitiv an meiner eigenen Legitimität. Habe ich das Recht, das zu spielen? Klingt es bei mir nicht immer ein wenig geliehen? Genau diesen Zweifel hatte ich nie auf mein politisches Erleben übertragen, bis ich anfing, über die Hymne nachzudenken. Vielleicht ist es dasselbe Misstrauen. Habe ich das Recht, mich einem Wir zuzurechnen, das ich nur zum Teil teile? Oder ahme ich auch dort nur nach, was Zugehörigkeit sein soll, ohne sie wirklich zu besitzen?
Ich weiß nicht, ob diese Parallele trägt. Aber sie hat sich mir aufgedrängt, seit ich beides nebeneinanderlege: die Musik, in der ich seit Jahrzehnten übe, ohne je ganz anzukommen, und die Hymne, unter der ich stehe, ohne je ganz dazuzugehören.
VII.
Diese Unsicherheit ist noch nicht entschieden, wenn beim nächsten Turnier die Hymne beginnt. Ich weiß nicht, ob ich sie mitsummen werde oder nicht. Wahrscheinlich wird es davon abhängen, wer neben mir steht, was in diesem Jahr in der Welt geschehen ist, wie erschöpft ich selbst gerade bin. Ich habe keine Regel gefunden, die mir das abnimmt, und ich glaube nicht, dass es eine geben sollte.
Was sich verändert hat, ist etwas Kleineres. Ich stelle mir inzwischen, bevor eine Hymne beginnt, kurz die Frage, die mir 2006 noch nicht eingefallen wäre: Wem gehört dieses Wir gerade? Meistens habe ich keine Antwort, und ich singe trotzdem nicht laut mit, so wie ich es nie getan habe. Aber die Frage selbst hat etwas verändert. Sie hält den Moment für einen Atemzug offen, bevor das Gefühl der Zugehörigkeit sich von selbst einstellt.
Vielleicht ist das wenig. Eine Hymne dauert kaum mehr als neunzig Sekunden, und eine Frage, gestellt in dieser kurzen Zeit, während um mich herum gesungen wird, ist kein großer Akt. Kein Programm, keine Haltung, die sich auf ein Plakat schreiben ließe. Aber ich habe gelernt, dass die großen Schließungen selten mit einem einzigen Ereignis beginnen. Sie beginnen damit, dass niemand mehr fragt, wer gerade mitgemeint ist.
Nachklang
Für mich ist die Hymne heute zu etwas geworden, das kaum mehr trägt als ein Fußball-Jingle. Aber das macht es mir zu leicht. Höcke oder die AfD zu benennen, kostet mich nichts – meine Ablehnung dort steht seit Jahren fest, unverrückbar.
Schwerer sind zwei andere Fragen, die dieser Essay aufgeworfen und nicht beantwortet hat. Die erste: was ich eigentlich aufgebe, wenn ich nicht mitsinge – ob da nicht auch etwas Echtes verloren geht, das ich mir woanders holen muss.
Die zweite sitzt näher an meinem Alltag, als mir lieb ist, auch wenn ich sie nicht am Fußball beobachte – in unserem Schulhaus laufen keine Länderspiele. Es sind die Sprachinseln in den Pausen, die mich dorthin führen: die russischsprachigen Schüler unter sich, ein paar arabische Sätze in einer anderen Ecke. Und der Verdacht, der sich daraus ergibt: Ich vermute, dass die wenigsten von ihnen die Hymne ihres Herkunftslandes wirklich kennen, und die deutsche noch weniger. Diese Symbole sind ihnen oft gar nicht bewusst. Obwohl ich meine eigene kritische Haltung zur Hymne reflektiert und bewusst gewählt habe, empfinde ich bei meinen Schülern fast so etwas wie einen Verlust. Denn wer eine Hymne nicht kennt, hat nicht einmal die Wahl, sich gegen sie zu stellen. Ich verweigere mich einem Symbol, das ich genau kenne, das ist ein bewusster Akt. Meinen Schülern fehlt oft schon das Symbol selbst. Das ist, so seltsam es klingt, für mich ein zusätzlicher Heimatverlust: nicht nur das Land verloren zu haben, sondern auch die Zeichen, mit denen man sich zu einem Land, zu welchem auch immer, hätte verhalten können. Ich weiß nicht, was daraus folgt. Und ich finde, ich sollte es auch nicht zu schnell wissen wollen.