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Vom Aushalten der Irritation zur Begegnung

Peter Roth-Westdickenberg

Forschung

Vom Aushalten der Irritation zur Begegnung

Eine Antwort auf Liya Yus „Hirn statt Moral“ aus der Praxis des Musikunterrichts

Berlin, 28. Juni 2026

Antwort auf Liya Yu: Hirn statt Moral

Musikunterricht · Mentalisierung · Irritation · Begegnung

I. Was ich Ihnen entgegenhalten möchte

Liya Yu, Sie beschreiben einen Gesellschaftsvertrag, der nicht mehr auf abstrakten moralischen Normen ruht, sondern auf einer konkreten neuronalen Fähigkeit: der Mentalisierung. Sie zeigen, wie Amygdala und Insula – die Areale der Abwehr, der schnellen Kategorisierung in vertraut und fremd – sich verschieben können zu mPFC und TPJ, jenen Arealen, die eine fremde Innenperspektive überhaupt erst zugänglich machen. Gesellschaftlicher Zusammenhalt ist bei Ihnen kein moralisches Soll, sondern eine trainierbare Disposition.

Ich möchte Ihnen aus der Praxis antworten, nicht aus der Theorie. Ich unterrichte jährlich etwa hundertvierzig Jugendliche in Musik, achtzig Prozent von ihnen mit Migrationshintergrund, viele mit Transferleistungsbezug – also genau jene Bevölkerungsgruppe, die in Ihrem Buch an einer Stelle auftaucht, die mich beim Lesen innehalten ließ: die belgische SCM-Studie, in der arabische und muslimische Menschen der negativsten Out-Gruppe zugeordnet wurden. Meine Schüler sind nicht die Leser Ihres Buches. Sie werden es nie in der Hand halten. Aber ich setze, was Sie beschreiben, jeden Tag mit ihnen um – nur über ein anderes Medium als Sprache und Argument: über Musik.

II. Die Irritation ist nicht an das Fremde gebunden, sondern an das Ungehörte

Ein Missverständnis möchte ich vorab ausräumen. Man könnte denken, es sei die arabische Musik – Maqam Bayati, der Maqsum-Rhythmus –, die in meinem Unterricht den Zwischenraum eröffnet, während Bach oder Mozart den sicheren Boden bilden. Das wäre eine Engführung. Die Irritation, von der ich spreche, kennt keine kulturelle Adresse. Sie entsteht bei einer Mozart-Arie genauso wie bei freiem Jazz, bei gregorianischem Choral genauso wie bei Maqam. Das Fremde ist überall dort, wo die eigene Hörgewohnheit keine Andockstelle findet.

Deshalb ist der Baustein in meinem Unterricht, in dem wir Musik hören, nie auf Analyse hin angelegt. Ich will nicht, dass die Schüler eine Sonatenhauptsatzform benennen oder ein Maqam identifizieren. Ich will, dass sie in den Sekunden nach dem Hören merken: Da ist etwas in mir passiert, das ich noch nicht benennen kann.

III. Drei Stufen der Mentalisierung – eine eigene Erfahrung als Korrektiv

Sie trennen Mentalisierung scharf von Empathie: Mentalisierung ist die kognitive Vorstellung der Innenwelt eines anderen, unabhängig davon, ob ich seinen Schmerz fühle oder ihn beheben will. Sie schreiben, der Ruf nach mehr Empathie greife zu kurz, weil unsere Empathie-Kapazität begrenzt ist, während Mentalisierung auch gegenüber dem Fremden funktioniert – nicht obwohl, sondern weil sie kein Wohlwollen, keine Sympathie, kein Gefallen voraussetzt.

Ich kenne diese Bewegung an mir selbst, seit etwa vier Jahren, durch meine Beziehung zur arabischen Musik, und sie verläuft nicht so glatt, wie man es sich wünschen würde. Mein erster Reflex, als Musikwissenschaftler und langjähriger Berufsmusiker, mit westlicher Harmonik und kontrapunktischer Arbeit als selbstverständlichem Maßstab, war ein abwertendes Urteil: Diese Musik habe kein harmonisches Gerüst, keine Mikrotonalität, die sich in mein Schema fügt, kein Durchreichen von Motiven durch Instrumentengruppen – ein großes Orchester, das eingesetzt wird, nur um die Gesangslinie unisono mitzuführen. Der Reflex sagte: nicht so weit entwickelte Musik. Das war kein neutrales Befremden. Das war mein eigener Maßstab, unhinterfragt als universeller Maßstab benutzt.

Die zweite Stufe kam erst über Jahre des Dranbleibens: nicht die nachträgliche Höherbewertung des ursprünglich Abgewerteten, sondern der Rückbau des Maßstabs selbst. Ich habe verstanden, dass arabische und westliche Musik von unterschiedlichen Dingen sprechen, wenn beide „Musik“ genannt werden – eine Unvergleichbarkeit, keine Hierarchie, keine Schwäche der einen Seite gegenüber der anderen.

Und doch bleibt eine dritte Stufe, die ich noch nicht erreicht habe. Ich kann den Maßstab zurückbauen, die Unvergleichbarkeit verstehen, mich in der arabischen Musik fachlich bewegen – und merke trotzdem, dass mir die feinen Emotionen verschlossen bleiben, die ich bei ägyptischem Publikum, bei Künstlern in Live- oder Videoaufnahmen wahrnehme. Das Verstehen der Differenz ist nicht dasselbe wie der emotionale Zugang selbst.

Genau diese Dreistufigkeit bewahrt mich davor, das Urteil meiner Schüler vorschnell aufweichen zu wollen. Wenn ein Kind nach dem Hören eines Maqam Bayati sagt „das gefällt mir nicht, das klingt komisch“, ist das der erste, völlig berechtigte Reflex – mein eigener, jahrzehntelang erfahrener Reflex. Mentalisierung verspricht nicht, dass das Fremde am Ende gefällt oder dieselbe emotionale Tiefe erreicht wie das Vertraute. Sie verspricht nur die zweite Stufe: zu verstehen, dass der eigene Maßstab nicht der einzig mögliche ist. Die dritte Stufe, der volle emotionale Zugang, bleibt offen – bei mir nach vier Jahren genauso wie möglicherweise bei meinen Schülern nach einem Schuljahr.

IV. Wortlisten als Training von mental state vocabulary

Sie beschreiben, wie mental state verbs – denken, wissen, wollen – der sprachliche Mechanismus sind, über den Mentalisierungsfähigkeit trainiert wird, und zitieren die Studie zur frühkindlichen Sprachentwicklung, in der komplexere Mentalisierungssprache der Eltern zu schnellerer Mentalisierungsfähigkeit der Kinder führt. Das ist fast eine Anleitung für etwas, das ich längst tue, ohne es so genannt zu haben.

Am Anfang gebe ich Wortlisten – einfache Adjektive für Charakter und Empfindung. Mit der Zeit werden die Schüler freier, finden eigene Worte für das, was sie berührt, verwundert, abwehrt. Im Licht Ihrer Unterscheidung sehe ich jetzt: Das ist der direkte Aufbau von Mentalisierungssprache – nur dass das Objekt zunächst ein Klang ist, nicht ein Mensch. Eine Vorübung mit niedrigerem Risiko, bevor die Sprache auf Menschen angewendet wird.

V. Was Ihre In-Gruppen-Forschung für das Klassenzimmer bedeutet

Sie zeigen mit Tajfel und Turner, dass Gruppengrenzen beweglich sind – dass schon eine willkürliche, „neutrale“ gemeinsame Zuordnung reicht, um Zugehörigkeit zu erzeugen, und dass sich daraus neuropolitisches Kapital schlagen lässt: gemeinsame, möglichst unpolitische Aktivität als Mittel, neue In-Gruppen über alte Gräben hinweg zu bilden.

Eine Klasse, die gemeinsam einem befremdlichen Klang ausgesetzt war und gemeinsam nach Worten dafür gesucht hat, hat genau das getan: eine neue, beiläufige In-Gruppe gebildet – „wir, die das gerade gemeinsam gehört haben“ –, quer zu den Herkunftslinien, die sonst die Gruppengrenzen ziehen. Sie schreiben weiter, dass multiple Kategorisierung – einer Person mehrere Identitätskategorien zuzuschreiben, statt nur einer – die Wahrscheinlichkeit erhöht, eine geteilte Kategorie zu finden, und damit Mentalisierung auslöst. Meine Wortlisten tun, bezogen auf Musik statt auf Personen, dasselbe: Ein Stück, das nicht nur als „arabisch“ oder „kirchlich“ gehört wird, sondern als „drängend“, „schwebend“, „unruhig“, entkommt der einzelnen, schließenden Kategorie.

VI. Eine Grenze, die ich nicht verwischen will

Was ich im Musikunterricht trainiere, ist die milde, prinzipiell überwindbare Schwelle der Irritation. Was Sie mit der „lowest of the low“-Studie beschreiben, ist etwas Härteres: ein vollständiges Abschalten des mPFC gegenüber Obdachlosen, Drogenabhängigen – eine neuronale Behandlung wie ein Gegenstand, nicht wie ein fremder Mensch. Das ist keine Steigerung derselben Sache, sondern eine andere Kategorie von Verschluss.

Ich erwähne das, weil einige meiner Schüler, je nachdem, welcher Gruppe die Gesellschaft sie zuordnet, nicht nur diejenigen sind, die Mentalisierung üben, sondern unter Umständen auch die, denen sie verweigert wird. Mein Unterricht kann das nicht auflösen. Aber er kann, im Kleinen, eine Disposition einüben, die später den Unterschied macht zwischen einem Menschen, der schließt, und einem, der zuhört.

VII. Der Rücktransfer

Was in meinem Curriculum am Maqam beginnt, endet nicht bei Maqam. Am Ende eines Moduls, das die Werkzeuge der Begegnung mit dem Fremden erarbeitet, kehren wir zu einem Bach-Präludium zurück – nicht weil die Schüler es schon kennen würden, das ist unwahrscheinlich, sondern um zu zeigen: Dieselbe Irritation, dieselbe Fremdheit, die im Maqam erfahrbar wurde, lässt sich auch im eigenen Kulturraum finden, den die Schüler ebenso wenig automatisch besitzen wie den arabischen. Das Fremde sitzt nicht im anderen Kulturraum. Es sitzt im Ungehörten – und das eigene Erbe ist für viele meiner Schüler genauso ungehört wie das arabische.

Das ist, was ich Ihnen entgegenhalten möchte: Sie liefern die Diagnose und die neuronale Begründung, warum Mentalisierung gesellschaftlich trainierbar ist. Ich habe einen Ort gefunden, an dem sie sich, mit geringerem Risiko als in der direkten menschlichen Begegnung, einüben lässt – bevor sie auf das eigentliche Ziel übertragen wird: den fremden Menschen auszuhalten, lange genug, um ihn zu verstehen, auch ohne ihn am Ende zu mögen.

VIII. Gegenrede

Drei Einwände will ich mir nicht ersparen. Erstens: Die Übertragung von ästhetischer Irritationstoleranz auf soziale Mentalisierungsfähigkeit ist eine Hypothese, keine bewiesene Tatsache – meine eigene mehrjährige Befragung ist gerade erst angelegt, sie zu prüfen. Zweitens: Sie beschreiben einen gesellschaftstheoretischen Befund auf Bevölkerungsebene; ich beschreibe eine pädagogische Praxis mit anderthalbhundert Jugendlichen jährlich. Die Übertragung bleibt Analogie, kein Beweis. Drittens: Man könnte einwenden, ich lade der Musik eine Bürde auf, die sie nicht tragen muss – dass nicht jedes Hörerlebnis ein Mentalisierungstraining sein muss und die schlichte Freude am Klang ihren eigenen, nicht instrumentalisierten Wert hat.

Diesen letzten Einwand nehme ich am ernstesten. Doch ich glaube, beides schließt sich nicht aus: Freude am Klang und das Training der Mentalisierung sind in den Kindern, die ich unterrichte, kein Widerspruch, sondern derselbe Vorgang aus zwei Richtungen betrachtet. Gerade weil die Musik nicht moralisch argumentiert, sondern einfach erklingt, kann das Aushalten ihrer Fremdheit zur Übung werden, ohne sich wie Übung anzufühlen.